Die Virulenz des Backlash

Vieles von dem, was uns an patriarchös kontaminierten Gedankengut umgibt ist toxisch und quasi hochansteckend. Ob es sich dabei um die gängigen Narrative, die banalen Klischees oder die politische Meinungsmache handelt oder mainsplainende Spekulation, gezielte Lügen, tradierte Dogmen, esoterische Geheimniskrämerei oder die mythischen Halbwahrheiten – all das sind nun schon Jahrtausendelang in unserem weiblichen Alltag patriarchöse Risiken und Nebenwirkungen. Dazu kommt noch die, heute überwiegend der Unterhaltung dienenden, harmlos erscheinenden aber nicht zu unterschätzenden medial aufbereitete Fantasy- und Dramenwelt, die nur im Gewaltkontext als interessant angeboten werden – Gewalt – das Epizentrum des Patriarchats.
Die dem androzentrierten Ideologiekosmos entsprungenen Mythen, umspinnen auch die Frau mit den klebrigen Fäden all der Heldenepen, die patriarchale Lauterkeit demonstrieren. In dieses bestehende System hinein sozialisiert, lebt die Frau, für gewöhnlich getrennt von ihren Wurzeln, in einer tatsächlichen Utopie – an einem Ort, den es nicht gibt.
Sie ist umgeben von Zielsetzungen, die nicht die ihren sind und die ihr, selbst wenn sie sie erreicht, nicht gut tun. Ob es die Vorstellung von der romantischen Liebe oder das Ideal einer Gleichberechtigung mit dem Mann, alles liegt ziemlich weit oder knapp neben dem wirklichen Leben und wir erfahren es spätestens hautnah, wenn wir in dieser Welt Mutter werden und mutterseelenallein unser Kind versorgen und aufziehen dürfen (ob mit oder ohne Partner). Ein anwesender (genetischer oder sozialer) Vater ist nur eine Pseudo-Unterstützung. Was uns fehlt, ist nach wie vor die matrifokale Müttergemeinschaft.
Damit es uns nie auffällt, werden wir im Alltag abgelenkt und überrollt von der permanenten Präsenz virtueller Gebilde, die farbig grell und zuckersüß oder knallhart und gewalttätig, uns und unsere Kinder in Parallelwelten ziehen. In den neuen virtuellen Medien, in der etablierten Literatur und mehr denn je, durch die bewegten Bilder der Film- und Fernsehindustrie werden Meme verbreitet und ein Weltbild festgeschrieben, dass der Frau (und dem Mann) unausweichlich erscheint. Einer schweren Erbkrankheit gleich, von der es anscheinend keine Heilung gibt.
Jede Form von Heilung oder dem Versuch, zu einem gesunden Ur-Kontinuum des Zusammenlebens zurückzukehren, wird sofort durch die bestehenden Mechanismen der Profiteure des Systems unterlaufen. Ernsthaft angedachte andere Konzepte werden verhindert und jede Art von matrifokale Aufklärung weggewischt, ignoriert oder lächerlich gemacht. Eigentlich sollten sich alle Frauen darüber klar werden, dass wir bereits bis zu den Haarspitzen erneut in einem patriarchalen Rollback stecken, deren erste katastrophalen Auswirkungen sich so vielfältig zeigen, dass wir sozusagen den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Wieder einmal. Dieser regelmäßig auftauchende Rückschlag, der immer dann einsetzt, wenn Frauen bzw. Mütter, gewisse Freiheiten erlangt oder die Optionen eines selbstbestimmtes Leben winken.
Dieser gerade wieder detonierende Backlash setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, und als Gesamtereignis offenbar unerkannt bleibt. Die vielen kleinen und großen gesellschaftsrelevanten Gegenmaßnahmen zur Verhinderung von Patriarchatsverlust, treffen in erster Linie die Frau und Mutter. Und sie treffen sich alle in dem einen Punkt: die Privilegien der Patriarchen, des sogenannten (Alpha)Mannes, zu retten und wieder zu festigen. Kollateralschäden werden unberührt in Kauf genommen.
Die liberale Tendenz einer politisch friedfertigen Gesellschaft (derzeit in D gerade mal sechsundsiebzig Jahre) kann dazu führen, dass früher oder später die gleichberechtigte Frau wieder automatisch ihren Weg als die Verantwortungsträgerin der Gesellschaft findet – eigentlich ein naturgemäßer (matrifokaler) Effekt. Wenn die Bedingungen stimmen, nimmt sie als Mutter in der persönlichen Verantwortung, ihren Platz als die Hüterin gegenwärtiger und zukünftiger Generationen ein und praktiziert diese Verantwortung im Alltag der Menschen-Gemeinschaft. Leider fühlt sich, ‚das patriarchale System‘ durch das weibliche – empathisch-kooperative – Sozialverhalten, vor allem in Hinblick auf den Nachwuchs, und von dem intellektuellen Potential der Weiblichkeit in einer Weise bedroht, dass jedes Mal früher oder später eine, oft harmlos beginnende, Welle verheerender Gewalt losgetreten wird.
Die wenigen Männer, die heute bereits eine Naturalistische Humanität vertreten und ebenfalls eine gerechte und friedfertige Gesellschaft anstreben, sind leider nicht immer bereit, sich vorbehaltlos, also generell und offen, an die Seite der Frau und Mutter zu stellen. Denn auch, oder gerade im Neo-Patriarchat darf es das nicht geben, weder in der Vergangenheit, noch in der Gegenwart und Zukunft. In den modernen philosophischen Werken findet Weiblichkeit immer noch nicht bzw. kaum statt. Irgendwie schaffen es die Herrn Philosophen immer noch den Status und die Bedeutung der Mutter, der Frau und ihr Kind, auszublenden. Die generative Weitergabe des ideologischen oder auch schon naturgemäßen Lebenssinns wird einfach ohne die Mutter bzw. die Frau (Mutter, Großmutter, Tochter, Schwester) zelebriert. Daher meine ich, wir befinden uns wieder einmal mitten drin – im patriarchalen Backlash. Und obwohl von den Autoren so mancher Paradigmenwandel bereits angedacht wird, werden auch heute noch die Schwestern dieser Welt vergessen und man kommt selten über die vielgepriesene Brüderlichkeit hinaus. Dabei wäre es so einfach, würden sich alle wieder auf die urnatürliche Geschwisterlichkeit besinnen.
Den meisten Frauen fällt dieser Widerspruch so gut wie nicht auf und eine antrainierte fatalistische Haltung macht es vielen von ihnen unmöglich, die ständigen Rückschläge als solche zu erkennen oder gar aufzuhalten. Die heutzutage, inzwischen immerhin schon als toxisch beschriebene Männlichkeit macht sich gerade wieder überall breit. In den soziale Medien (Social Media) wächst eine unglaubliche Verrohung im Umgang mit den Mitmenschen heran, der von keiner Seite so recht Einhalt geboten wird. Besonders die Frau steht im Fokus haltloser Bedrohungen und das senkt nochmal die Hemmschwelle tatsächlicher Handlungen. Wir bekommen ein gesellschaftliches Klima, das bekannt ist aus der Zeit, da Gewaltexzesse beim anerkannten (körperlichen) Kräftemessen unter Männern nicht nur die Hierarchie justierten, sondern gleich nebenbei auch der Reglementierung von Frauen dienten – alles sanktioniert durch die jeweilige, gerade angesagte Herrschaftsmacht.
Heute findet dieses Kräftemessen weitgehend verbal und überwiegend im virtuellen Raum statt. Ebenso das Zurechtweisen weiblicher Sichtbarkeit und Äußerungen. Dadurch werden all die Foren der sozialen Netzwerke für Frauen fast so gefährlich, wie die öffentlichen Räume, in denen es stillschweigend gesellschaftlich akzeptiert wird, die Selbstbestimmung der Frau zu ignorieren, sie in die sozialen Konditionierungen jedweder patriarchöser Art zu pressen oder der Frau nach wie vor auch körperliche Gewalt anzutun. Die mehr und mehr enthemmte, sexualisierte und verachtende Einstellung Frauen gegenüber finden wir in fast allen Medien als latent akzeptierte Rape Culture, als generelle Objektivierung der Frau sowie in der Tendenz der Entkriminalisierung der Prostitutionsförderer und ihrer Profiteure, was wiederum den „Wirtschaftszweigs Menschen- bzw. Frauenhandel“ festigen und erweitern kann.
Doch das ist noch nicht alles. Die immer weiter vorangetriebene Vernichtung der Mütter ist einer der Hauptmarker des aktuell grassierenden Backlash. Die Mutter befindet sich immer noch in der Geiselhaft der Vätergesellschaft. Sie soll mehr denn ja als Dienstleisterin der Gesellschaft fungieren. Es wird erwartet, dass sie ihr körperliches Knowhow, also ihre menschlich-mütterliche Kompetenz, Jedermann zur Verfügung stellt. Den Vogel schießt hier die Leihmutterschaft ab, die inzwischen als absolut normal, da medizinisch machbar, betrachtet wird. Und die nächste Attacke ist in Vorbereitung: die Entwicklung der sogenannten Künstlichen Gebärmutter. Die nach wie vor aktiv virulente Patriarchose vergiftet nicht nur permanent unsere Gegenwart, sondern immer auch gleich die Zukunft unserer Töchter und Söhne und Kindeskinder mit …

und jetzt denken wir mal alle darüber nach, was eine drohende SelfID-Gesetzgebung mit dem gerade gesellschaftsbreitenwirksamen durchrollendem Backlash zu tun hat … oder wie wir den Alchemisten des Patriarchats begegnen, die nicht müde werden, immer neue Horrortechnologien zu entwickeln und in die Welt zu setzen.


Stephanie Ursula Gogolin

(überarbeiteter Post, Erstfassung 19.09.2019 auf meinem Blog Alltag)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s