Der MannundFrau-Mythos

MannundFrau-Mythos als Inbegriff der Zusammengehörigkeit in der modernen Gesellschaft

Ein Mann und eine Frau, die als Inbegriff der Zusammengehörigkeit in der modernen Gesellschaft unseres Neo-Patriarchats gehandelt werden, sind Personen, die sich per se einander zunächst fremd sind, also nicht nur nichtverwandt, sondern sich auch beim ersten Zusammenkommen in der Regel nicht kennen. Sie kannten sich also bisher nicht bis kaum, aber eine gefühlsduselige Umwelt, ein mit dem Romantische-Liebe-Prägestempel versehener Mainstream erwartet, dass sie das volle Große-Liebe-Kitsch-Programm zelebrieren und als Paar durchstarten. Hier vernachlässige ich jetzt mal, die andern Paarkombinationen, die das Verlieben auch hervorbringen kann und schaue auf das Phänomen Hetero-Paar mit Langzeiterwartung. Aus dem einstigen Ehe-Credo „bis das der Tod euch scheidet“ wurde der etwas gemäßigte partnerschaftliche Wunsch: „gemeinsam alt werden“. Das darf sich auch mehrmals im Leben wiederholen, denn es ist inzwischen anerkannt in serieller Monogamie zu leben. Die exklusive Kombination MannundFrau darf in der Zusammensetzung fluktuieren oder nicht mehr nur das Hetero-Paar abbilden. Die Idee des ständigen Aufeinanderbezogensein zweier erwachsener Personen, welche in einer Liebesbeziehung und idealerweise als Eltern ihren Alltag verbringen, steht auch für ein anderes relativ neues gesellschaftliches Phänomen: die platonische Mann-Frau-Kooperation als zukünftige Norm einer endlich erreichten Geschlechtergerechtigkeit in einer besseren Welt. Und die besagt: Jeder Mann begegnet jeder Frau relativ neutral, respektvoll, rücksichtsvoll und geschwisterlich – alles in einem kooperativen Sinn als gemeinsame Weltenbürger – selbstverständlich ebenso umgekehrt. Diese liebenswerte Vorstellung breitet sich immer mehr aus. Und obwohl die gelebte Praxis auch hier noch arg hinterher hinkt, wird von vielen Frauen und noch mal besonders von den Müttern, auf allen Ebenen und in jedweder Mann-Frau-Kombination auf eine verantwortliches Zusammenarbeit gehofft bzw. diese bereits erwartet – in den Ehen, den partnerschaftlichen Beziehungen und in dem Novum einer gemeinsam zelebrierten Elternschaft.

Die Auffassung, dass es das vom Schicksal für einander bestimmte Paar gibt und eine Jede den Richtigen oder, wie heute auch anerkannt, die Richtige finden kann, ist scheinbar eine unausrottbare Idee. Mehrere tausend Jahre Patriarchat haben nicht nur Mythen hervorgebracht, die jedem gesunden Menschenverstand spotten, sondern man erwartet auch heute immer noch, dass diese in der Realität gelebt werden. Eine der Mythen ist das Paarideal, eine andere besagte Elternschaft (Eltern for ever, auch bei Trennungen oder Partnerschaftsgewalt).

Ja, es gibt sie, die Paare, die sich finden, wo es Bäääm macht und dann bleibt man bis ans Ende seiner Tage glücklich zusammen. Man ist sich treu ergeben, zieht gemeinsam Kinder auf und gibt der restlichen Welt das Beispiel, auf das alle gewartet haben. Aus dem anfänglichen patriarchösen Verhältnis: Herr und Sklavin hat sich also über viele Jahrhunderte hinweg das moderne Konzept: Partnerschaft auf Augenhöhe für jedermann und jedefrau entwickelt. Jetzt darf auch die Frau eine Wahl treffen, sich für eine Spielart des Lebensmodell Familie entscheiden und sich bei Nichtgefallen sogar trennen. Die Frau muss nur weiter nach den gesellschaftlichen Regeln spielen, möglichst früh ihren mütterlichen Background verlassen, die immer wieder erneut anfallende nötige Beziehungsarbeit leisten und bei Bedarf dem Mann an ihrer Seite die notwendige Nachhilfe zuteilwerden lassen, damit er sich als verantwortungsvoller Vater, treuer und zugewandten Partner und kooperativer Mitarbeiter in der Praxis der Kleinfamilie erweist.
Aber wir wissen ja: Diese gern beschworene Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau, die auch die Care-Arbeit beinhaltet, ist ein rein hypothetisches Gebilde. Wir klammern uns weiter an die Vorstellung, dass es selbstverständlich sein müsste, dass sich Mann und Frau, für das tägliche Allerlei und die Arbeit, die Kinder so machen, zuständig und verantwortlich fühlt und es jeden Tag aufs neue beweisen. MannundFrau, das vom Schicksal konzipiertes Dreamteam – es könnte doch so einfach sein!
Aber, und das ist das Faktum, das immer übersehen wird: es gibt nun mal keinen biologischen Imperativ der ein organisch gewachsenes Gebilde MannundFrau hervorbringt. Auch nicht in der umgekehrten Intention FrauundMann. Es gibt sie nicht, die biologisch determinierte, gleich schwingende Paareinheit des Arterhalts: (nichtverwandte) Frau und Mann als Alltagsmodul unserer Spezies. Diese menschengemachte und scheinbar unausrottbare Wunschvorstellung nichtverwandte MannundFrau als Einheit, gibt es bei keiner Säugetierart und auch die Vogelarten, die paarweise Brutpflege betreiben, sind zufällige Begegnungen in der Natur, bei denen sich die Individuen nur dem Biomechanismus Arterhalt gemäß verhalten.

Mütter, Kinder, Väter und der MannundFrau-Mythos

Es wird gern davon ausgegangen bzw. erwartet, dass entgegen allem menschenartgerechten Verhalten, die ominöse Paareinheit MannundFrau, die sich in der Moderne als Kleinfamilie figuriert (formiert und firmiert), sich ähnlich einem Schwarm verhält (sich permanent auf einander bezogen abstimmend) oder ähnlich einer Herde auf der Basis eines kollektiven Instinkts (mit entsprechender Intelligenz) durch den Alltag stapft. Alle Säugetiere sind hochentwickelte Individuen und damit als Einzelwesen (einzelner reifer Organismus) autonom. Wobei jede Spezies ein eigenes Sozialmodul entwickelte.

Die in besonderer Weise intelligente Mensch, findet in der Dynamik ihrer matrifokalen Fürsorgegruppe den Überlebens-Effekt der Geborgenheit und damit ausreichend Schutz, Support und Spaß, um sowohl als Individuum, als auch als (Nähe)Gemeinschaft ein zufriedenes Leben zu führen. Unsere angeborene Sozialform, die Matrifokalität lässt Mann und Frau sich ursächlich als Geschwister begegnen. Die Knoten des sozialen Netzes der Geschwisterlichkeit sind die Mütter. In diesen Matrifokalen haben wir einst unsere Menschlichkeit entwickelt.
Die paarweise Zweierkombination aus einem Mann und einer mit ihm nichtverwandten Frau als Dauerlebenspaar, ist eine kulturell begünstigte Fehlentwicklung der Patriarchalität (u.a. entstanden auf Grund der durch Oxytocinmangel erzeugten Gewaltspirale im System). Der Sündenfall, der das Patriarchat einleitete war der massive Übergriff auf andere Leben (das Züchten von Tieren sowie das Erklärung deren Existenz als Nutzvieh) und das systematische Trennen der matrifokalen Grundsubstanz Mütter und Töchter.
Die heute, wie ein Naturgesetz gehandelte MannundFrau-Idee, die quasi als sexualisierte Dauerschleife des Zusammenlebens unseren Alltag bestimmt, hat sich jedoch auf keinen Fall als eine Art evo-biologischer Imperativ selektiert, sondern wir haben hier ein anti-soziales Phänomen, dass die vergleichsweise jüngste Menschenkultur auf den letzten Metern der Geschichte (rund sieben- bis neuntausend Jahre in besagter Patriarchalität) hervorgebrachte.
Wenn wir als (junge) Frau uns verlieben und uns das starke Verlangen antreibt, uns mit einem attraktiven Mann unserer Wahl zu paaren und unbedingt (sofort) zu kopulieren, sind wir in dem hormonellen Drive des in allem Lebendigen angelegten, unbewussten Drang zum Arterhalt, der sich aus glücklich machendem Selbsterhalt plus der Female Choice zusammensetzt. Dieses bio-angelegte Verlangen des Körpers die Art weiter zu erhalten, ist inzwischen mit vielen irreführenden Vokabeln belegt. Derzeit gipfelt die Bezeichnung dieses Verlangen in der Vorstellung einer dauerhaften romantischen Liebe, die völlig widersinnig mit dem Gebot einer am liebsten unauflöslichen Hetero-Paar-Konstellation gekoppelt ist. Diese wird, auch in unserer modernen, aufgeklärten Gesellschaft, nach wie vor, von verschiedenen sozialen Konventionen sowie moralischen, und die Sexualität kontrollierenden, Dogmen begleitet. Beide, Frau und Mann, sind zuerst einmal biologische Individuen, die immer aus dem matrifokalen Nest einer (ihrer) Mutter stammen. Der unbewusste oder auch gewollte Denkfehler ist meist, dass die Biografie einer Person, die mit der Geburt durch eine Mutter beginnt, nicht mitgedacht wird. Wenn von Mann und Frau die Rede ist, besteht das System Kulturmensch scheinbar nur aus lauter vom Himmel gefallenen autarken Erwachsenen. Das lässt uns die sorgfältig gepfleget Vorstellung von der nicht mehr wegzudenkenden Alltagserscheinungseinheit, die ich MannundFrau nenne, immer wieder neu auflegen. Hier werden die zwei prototypische Individuen (fast einer jeden Spezies) – das biologische Y-Phänomen Mann mit der Leben hervorbringenden Bioeinheit Frau – zwanghaft zusammengedacht und umgekehrt. Was dabei weitgehend wegfällt ist das naheliegende automatische Mitdenken von Kindern, Geschwistern bzw. mütterlicherseits zugeordneten Angehörigen.
Es gibt sie aber nicht, die Frau X und den Mann Y, als jeweils eine Art exklusiven Prototyp. Genannte abstrakte weibliche und männliche Kultureinheiten, die eine Gesellschaft ausmachen und die in ihrem Erwachsenenleben unbedingt eine Zweiheit anstreben, welche als Einheit wahrgenommen werden muss. Tatsache ist doch, das Individuum, jede Person, besitzt eine persönliche Geschichte und versucht auf ihre individuelle Art im Patriarchat zu überleben. Sie folgt in der Regel dem Paradigma der Gesellschaft bzw. der jeweiligen Kultur, in die sie hinein geboren wurde. Es gibt weder biologisch noch kulturell, ein zwingendes MannundFrau-Sein.
Frau X und Mann Y sind daher im Bezug zu ihrer kulturellen Deadline – die für den Erwachsenen von unserer anonymen Gesellschaft geforderten Partnersuche – austauschbar. War über Jahrhunderte hinweg der, in der Patriarchose immer zuerst gedachte und in der Regel auch zuerst genannte Mann als Privilegling der Verhältnisse derjenige, den man per se dazu vorgesehen hatte, sich nach Belieben eine Frau zu halten, ist heute auch die Frau in bescheidenem Maße berechtigt, einen Partner zu wählen. Das bestehende androzentrierte und hochpatriarchöse Gesellschaftsambiente brachte den MannundFrau-Mythos erst als unauflösliches Ehepaar hervor, dann in der Moderne in dem Begriff Partnerschaft versehen, wurde das Paargebinde um die idealisierte Elternschaft erweitert, um weiterhin den männlichen Herrschaftsanspruch zu erhalten. Denn selbst die gleichberechtigt anmutende Partnerschaft bleibt trotzdem ein typisch patri-kulturelles Konstrukt, dass schon wieder jede Frau und Mutter in die patriarchös kontaminierte Irre, sprich Abhängigkeit, führt. Ein Mann und eine Frau können vielleicht als ideale Einheit ein ganzes Leben lang zusammenbleiben, die Regel ist es, Female Choice sei Dank, nicht mehr. Denn seit die Frau grundsätzlich zu einigen Rechten gekommen ist, hat sie zwar immer noch alle Lasten zu schultern, aber ihre Selbstbestimmung als Person sickert langsam in den Mainstream ein. Nun müssen wir nur noch die Mütter wieder sichtbar werden und ihren Platz als Lebensbewahrerin einnehmen lassen, denn die kommen in dem idealistisch/ideologischen MannundFrau-Mythos gar nicht vor.


Stephanie Ursula Gogolin
Lüneburg, Dezember 2020

Erstfassung Weblog Alltag

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