Jagdfieber

… hier möchte ich an den hervorragenden Artikel von Gabriele Uhlmann anknüpfen, den ich unten bereits verlinkte, und damit den angeblich von Natur aus jagenden Menschen(Mann) der, als Wildbeuterin sammelnden MenschenFrau gegenüberstellen…

Die Sammlerin und der Mythos vom angeborenen Jagdtrieb des Menschenmannes

Der Jägersmann, der die in der Höhle hockende Frau und die Kinder mit seiner Jagdbeute ernährt, ist eines der Narrative, die nicht tot zu kriegen sind. Mit anderen Worten, wir haben hier eine der patriarchösen Mythen, deren es mehr als genug gibt. Bildlich wird in typischer Weise diese Mythe als ein aufrechter, mit Jagdwaffen ausgestatteter Mann, dargestellt. Eine Vorstellung, die so oft durch Jahrhunderte hindurch wiederholt wurde, dass sie sich allgemein einprägte und bisher einfach kaum hinterfragt wurde: Der frühe Steinzeitmann als der Prototyp des agilen Jägers, allein oder in Gruppe.

Die (Waffen unterstützte) Jagd war für das Menschenfrauenkollektiv nie ein Nahrungsbeschaffungsmuss gewesen. Mag es in bestimmten Regionen während der Fröstelperiode (Eiszeit) dramatisch weniger Grünzeug und dafür noch mehr Mammute gegeben haben, von denen man dann einige verzehrte und so ihr Aussterben beschleunigte. Aber ein ganzes Mammut aufzuessen war schon eine ziemliche Herausforderung. Außerdem wurde in dieser Zeit Tiere auch wegen ihrer warmen Felle gejagt. Trotzdem war die Jagd bei der Entstehung der Menschenarten, kein evolutionärer Marker, weil dazu erst einmal eine bestimmte Kulturstufe erreicht werden musste und das Menschsein auf anderen Evo-Strategien basierte. Egal ob Neandertaler, Homo erectus oder Homo sapiens und sie zeichneten sich vor allem dadurch aus, dass sie mit ihren Schwestern und Brüdern ein einzigartiges Sozialkonzept lebten, gefördert durch den aufrechten Gang der Menschenfrau in jeder Landschaft.

Als Menschenfrau und Mutter verbrachte die Mensch ihren Alltag in einem ständigen (persönlichen) relativ intimen Bezug zu einander. Menschen-Gruppen überlebten als Fürsorgegemeinschaft. Und diese für einander sorgende Gemeinschaft bestand aus einem generationsübergreifendem Geschwisterkreis, der wiederum die permanente verlässliche Schutzsphäre für die Mütter und ihre Kinder stellte.

Diese essentielle Angehörigengemeinschaft können wir Matrifokale nennen – das evolvierte (angeborene) Sozialgeschehen ist nämlich ein matrifokales – es basiert auf der biologischen Matrilinearitär in einem sozial relevanten matrilokalen Kontext.

So ist zum Beispiel eine flotte Aussage wie „Verkürzt gesagt, machte die Jagd und der Fleischverzehr aus Affen Menschen“ eines der typischen patriarchalen Klischees, das zudem zeigt, dass das Menschsein gegenüber anderen Arten nie so richtig von der patriarchös blockierten Wissenschaft auf besagten matrifokalen Punkt gebracht wurde. Welche Primatenspezies Mensch auch immer, nie bestand sie nur aus einer mobilen rechtschaffenen Schar jagender Männer mit etwas Anhang (wie einer zugeteilten Frau mit ihrem Kind), sondern aus einer naturgemäß gewachsenen Gemeinschaft, in welcher vermutlich der Frauen(Mütter)- und Kinderanteil bei weitem die Anzahl der erwachsenen Söhne und Brüder überbot. Auch der starke Mann wird ja zuerst einmal von einer Mutter geboren, genährt und beschützt. Die frühen Matrifokale, in denen die matrilineare Gruppe zusammenlebte, bestanden schlicht aus Müttern und all den weiteren geschickten, ausdauernden Exemplaren an Menschenwesen beiderlei Geschlechts, die sich im Alltag eher gemächlich bewegten und den agilen Nachwuchs der Mütter im Auge behielten und gemeinsam versorgten.

Die Mensch bringt von ihrer Primatennatur her, erst einmal keine Voraussetzungen mit, durch die man sie zur JägerIn erklären könnte. Sie besitzt weder ein richtiges Raubtiergebiss, noch Krallen oder ist mit beachtlichen Sprungkraft ausgestattet. Jede aufrecht gehende Mensch hat beim Laufen lediglich ihre Schrittlänge – eine Großkatze besitzt allein schon ihre Körperlänge, die auf Geschwindigkeit gebracht, wirkliche Jagdvoraussetzungen und -vorteile stellt. Die eher kleineren (hundeartigen) Carnivoren jagen in Rudeln und machen so ihre kleinere Statur und mangelnde Sprungkraft wett. Die Jagd ist eine ganz normale Art der Nahrungsbeschaffung – bei Raubtieren und zwar natürlich und ohne jede Zusatzausrüstung. Die Primaten-Spezies Mensch kommt dagegen ohne diese nicht aus. Was für alle ein deutlicher Hinweis sein dürfte, dass die Mensch kein angeborenes Jagdverhalten auf andere, größere Tiere besitzt, auch nicht ihr Bruder.

So wie die Katze eine (fast) reiner Fleischfresserin und damit Jagende ist, so ist die Mensch in ihrer Evo-Natur keine JägerIn. Das Sammeln ist ihre normale Nahrungsbeschaffung, wie bei anderen Tierarten auch (nicht nur bei Primaten). Menschen sind jedoch keine reinen Herbivoren (Pflanzenfresser), sondern sogenannte Omnivoren (Allesfresser). Dass heißt sie sammelten stets auch kleine essbare Lebewesen als proteinreiche Nahrung. Die Mensch war bei der Nahrungssuche auf ihre Ausdauer und lange nur auf die Geschicklichkeit ihrer Hände angewiesen (also eigentlich immer noch). Als sie lernte zufällig gefundene Gerätschaften (wie Steine, Stöcke) effektiv einzusetzen, war der Schritt diese gezielt herzustellen nicht mehr weit. Ein spitzer Stock, der hilfreich beim Fischen war, entwickelte sich im Laufe von Zeiten folgerichtig zum Jagdspeer. Den Beginn menschlicher KulturBildung können/sollten wir weder weiblich noch männlich gewichten, sondern sollten dieses Phänomen als Ergebnis der vorhandenen, essentiellen Kooperation im interagierendem Alltag sehen. Die intelligente Menschenspezies schuf vielfältige Werkzeuge, sie begann, um sich dem Klima anzupassen, Felle als Kleidung zu bearbeiten und sie schuf Kunst! Was also soll dieses seltsame Betonen des Mannes als Jäger und Ernährer der Sippe, der nebenbei noch Kultur schuf?

Die Mensch zeichnet sich durch ihre einzigartige matrilineare sowie matrilokale Überlebensstrategie in der Bindungsgemeinschaft Matrifokal aus und wuchs hier, sukzessive in dieser speziellen, menschenartgerechten Gemeinschaft in den immer komplexer werdenden Kulturstatus, hinein. Alle durch Menschen erfundenen und entwickelten Kulturleistungen sind kein naturgemäßer, evolutionärer Selektionseffekt (sonst gäbe es die auch wahrscheinlich bei anderen Spezies), sondern Intelligenzergebnisse unserer Spezies, welche sich quasi osmotisch unter den sich in Nähe aufhaltenden Menschen ausbreitet – also eine menscheneigene Parallelentwicklung innerhalb der evolutionären Kontinuität.

Kultur besteht aus Memen und hält sich im gegenseitigen reaktivierendem menschlichen Erinnerungskosmos hartnäckig. Und … alle Kulturerrungenschaften sind ein Nebeneffekt unserer spezifischen Art unseren Nachwuchs aufzuziehen! Für die kleinen Menschenkinder ein geschützes Leben in einer unmittelbar zugewandten und kooperierenden Fürsorgegemeinschaft bereit zu stellen, war wohl das Erfolgsrezept. Also alles was uns gut überleben lässt, wurde auch früher oder später mit kulturellen Neuerungen unterstützt. Das Jagen, mit Steinen, Stöcken, Netzen, Seilen und später speziell angefertigten Waffen und Gerätschaften ist somit eine reiner Kultureffekt.
Die Mensch als geborenen Jäger zu bezeichnen ist also nichts als ein Mythos, den wir schon dadurch als solchen identifizieren, wenn allein nur durch den weiblichen Artikel vor „Mensch“ deutlich erkennbar ist, dass die menschliche Mutter ganz bestimmt ihrer Töchter oder ihrem Sohn keine ausgeprägte Jagdleidenschaft vererbte und das Jagen mit Waffen einen kulturell induzierten Grund haben muss, der nichts damit zu tun hat, dass die Sippe Fleisch brauchte.

Stephanie Ursula Gogolin, März 2020

2 Gedanken zu “Jagdfieber

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