Rationalität versus Spiritualität und Fantasie

…in einem Gespräch mit einer guten Freundin kamen wir argumentativ an den beliebten Punkt, wo die meisten Spiritualität fein säuberlich vom rationalen Denken und Handeln trennen. Dem Spirituellen wird dann ein Esoteriklabel aufgeklebt oder als Begrifflichkeit ins Irrationale verschoben. Ich fragte jedoch zurück: ist Rationalität und Spiritualität tatsächlich ein Widerspruch?

Beides sind Leistungen unseres Gehirns und unseres fühlenden Gesamtkörpers. Und auch wenn angenommen wird, die Rationalität, der denkerische Akt, ist kein Gegensatz zur „gefühlten“ Spiritualität, wird doch meist einem von beiden eine höhere und damit bessere Qualität zugewiesen. Je nach kultureller Ausrichtung und persönlicher Vorbildung. Dazu kommt, dass Spiritualität immer noch wie ein von außen kommender Zustand behandelt wird, etwas das außerhalb unseres Selbst vorhanden ist und das wir ablehen oder annehmen können. Das ist aus meiner Sicht eine Fehlinterpretation (der Begrifflichkeiten) oder zumindest ein ungenauer Ansatz.

Spiritualität ist die, einem jedem Menschen innewohnende Geistigkeit und somit in spezieller eigener Form in jedem Individuum vorhanden und verfügbar. Nur wird sie scheinbar nicht von jedem als solche identifiziert bzw. genutzt oder findet eine andere Bezeichnung.

Die modernen Formen der Erziehung und Konditionierung unterbrechen gern die Verknüpfung zum freien spirituellen Ausdruck der Menschen und die fühlende Verbindung zu allen „beseelten“ Wesen und Arten um uns herum. Statt dessen wird (im patriarchalen Kontext) unsere stets auf Empfang stehende Geistigkeit auf Ideologien, die typischen institutionalisierten Religionen oder die Wertekataloge erfundener Gottes-Einheiten gelenkt. Wenn also jemand glaubt, nicht „spirituell“ zu sein, dann hat das vielleicht etwas damit zu tun, dass ‚er‘ oder ’sie‘ bei sich selbst nicht wirklich angeschlossen ist, diese Art der individuellen geistigen Dimension verdrängt hat oder von Kindheit an so manipuliert wurde, dass statt den eigenen spirituellen Kosmos zu ergründen, darauf trainiert wurde andere Konzepte nachzubeten.

Die eigene Spiritualität nicht wahrnehmen, heißt auch sich der eigen Intuition zu verweigern oder (durch Konditionierung) nicht dazu der Lage zu sein zu spüren, was das eigene geistige Innere ausmacht.

Es kann hilfreich sein über Spiritualität im Allgemeinen nachzudenken, wir sollten aber davon ausgehen, dass sie die eigenkörperliche Variante ist, die unser immanentes Fühlen mit unserer Geistestätigkeit und unseren, sowohl spontanen wie auch willentlichen, Handlungen verknüpft. Wobei es ja heißt, so etwas wie den freien Willen gibt es nicht, da auf Grund unserer persönlichen komplexen Erfahrungslage die Entscheidungen in unserem Gefühlskomplex oder -zentrum bereits gefallen sind. Das sogenannte rationale Denken ist nur so etwas wie die Endausgabe in die bewusste Interaktion mit dem vorhandenen Nähefeld (Anwesenheit anderer Menschen und das sonstige lebendige Umfeld).

Die uns eigene Spiritualität, also unsere personale innere Geistigkeit, ist das Koordinatensystem bzw. Erklärungsmodell der Weltwahrnehmung, deren Mittelpunkt wir selbst sind – das Gespür mit dem wir uns mit den lebendigen Wesen (und sonstigen Wesenheiten) um uns vernetzen.

Leider haben viele der uns umgebenden Phänomene (natürlicher oder kultureller Art) inzwischen einen Bezeichnungskatalog, der (uns) mehr verwirrt als hilfreich ist. Andererseits, wenn wir bestimmte Verbindungen und Vernetzungen (manchmal nur diffus) wahrnehmen, gibt es in unserem heutigen Anspruch keine passende Bezeichnung für unsere gefühlte Situation.

Der moderne (patriarchal konditionierte) Mensch scheint sich erst zu gestatten etwas wahrzunehmen, wenn es durch Naturwissenschaft nachgewiesen wurde. Wenn Messungen und andere „Abhörtechniken“ beweisen, dass zum Beispiel Bäume oder andere Pflanzenkomplexe lebendige (gut wussten wir schon), fühlende (ahnten wir bereits) und denkende (ach wirklich!) Wesen sind. Das sich nach außen bemerkbar machende Innenleben der Pflanzen (und Tiere) und unsere Beziehung dazu, nannte man bisher vielleicht Devas, Naturgeister oder Anderswelt. Diese rein geistige Vernetzung der Interaktion mit unserer Umwelt ist eine geistige (sprituelle) Leistung, ein Ausdruck der individuellen Spiritualität.

Die Mensch verarbeitete alle Signale im Außen mit all ihren Sinnen und zwar in den Programmen: Intuition, Spiritualität, Fantasie und einigen mehr. Es sind alles Überlebensprogramme, evolutionierte Ausdrucksmöglichkeiten unseres Körpers und um das was in unserem ureigensten Innenleben abläuft, nach außen hin sichtbar werden zu lassen.

Oft wird Spiritualität und Religiosität in einen Topf geworfen. Meines Erachtens sind sie nicht identisch. In der Religiosität folgt man (den von anderen) vorgedachten Entwürfen und wird man gleich in eine Gesellschaft mit komplexer Ideologie hineingeboren, ist die eigene Entwicklung von Anfang an behindert. Dann (miss)brauchen wir vielleicht die eigene Spiritualität um diese angebotenen Formen zu adaptieren und mit „Leben“ zu erfüllen. Die christliche Nonne wäre hier ein deutliches Beispiel, wie sehr das eigne spirituelle Sein einer Frau in enge religiöse (und patriarchale) Vorgaben eingeschlossen sein kann. Nonnen bzw. Ordensschwestern dienen einem männlichen Vatergott und tun z.B. „Gutes“ für die Armen; sie lindern Mangelerscheinungen und Grausamkeiten dieser Welt, die erst durch die Erschaffer der Vatergottheiten initiiert wurden und damit die körperliche und geistige Armut über den Großteil der Menschheit brachten. Hildegard von Bingen ist eine der (wenigen überlieferten) Frauen, die es geschafft haben ihr spirituelles Sein durch den Wust der Einschränkungen einer monotheistischen Religion noch hindurch schimmern zu lassen.

Jede Mensch ist in jedem Fall eine spirituelle Mensch, aber nicht weil sie es sich erarbeitet, sondern weil sie von Geburt an war. Das spirituelle Sein gehört zu unserer menschlichen Grundausstattung. Leider wird unser geistiger (erworbener) Reichtum und unsere ererbten (instinktiven, also ‚genetisch‘ angelegten) Fähigkeiten im Zuge der gesellschaftlichen Verformung (elterliche und allgemeine kollektive Erziehung, Schule, Mainstream), meist erst einmal zurück gedrängt, überschrieben und verschüttet. Wenn wir uns später frei machen von dem Druck der Verbildung, des Verbiegens und verschiedener Verführung, legen wir automatisch, wenn es gut läuft, das Verschüttete wieder frei (manchmal mühsam). Es ist erstaunlich was da zu Tage treten kann und wie wir uns dann vielleicht wieder an die weite freie Welt unserer Kindheit (soweit vorhanden) anschließen.

Eine enge Verbündete unserer Spiritualität ist unsere Fantasie (vielleicht sind sie sogar identisch). Das bewusste, das verbindliche Tun, dass besonders uns Müttern zu eigen ist, ist eigentlich immer durch unsere Spiritualität (unsere innere Geistigkeit) unterlegt. Mütter handeln meist intuitiv und trotzdem handeln sie dabei bewusst. Je mehr wir dem (intuitiven) Bewusstsein Raum geben, desto mehr kommen wir in unserer Mitte an – in die symbolische Mitte unseres weiblichen Seins (Der Mann ist immer gern mitgemeint).

Fantasie ist dabei ein (das) Werkzeug der Gestaltung und aus unserer fantastischen Mitte heraus, erreichen wir all die anderen „Fantasiebesitzer“, die uns umgeben. Fantasie ist die vorhandene Fähigkeit zur Abstraktion, das kreative Potential des Menschen, das Fühlen und Denken in Bildern. Bezogen auf unsere sprachliche und logische Leistung, auch Ideen genannt. Es ist unsere angeborene Vorstellungskraft, die innere Bilder, also eine, unsere eigene, ‚Innenwelt‘ erzeugt… (siehe dazu auch Wikipedia u.a. Quellen).

Die Vorstellungskraft der jeweiligen Fantasie bezieht ihre Bausteine demnach aus den vorhandenen Erfahrungs- und Lernwerte, das heißt sie öffnet die „Schublädchen“ der Synapsen oder anders, sie greift auf die synaptische Effizienz der neuronalen Netze zu und somit auf unsere Gedächtnisinhalte, die aus einer schier unglaublichen Vielfalt bestehen und die niemals das Gleiche beinhalten können, wie die der anderen, neben uns lebenden Menschen. Vor allem die unbewusst gespeicherten Daten führen zu den erstaunlichsten Effekten und hier sind wir schon in der Dimension, die auch als Magie bekannt ist. Jedenfalls ist unser innerer Erfahrungs- und demnach individueller Wissensreichtum um ein vielfaches größer, als uns durchschnittliche Schulweisheit einreden will.

Und das ist das Fantastische an der Fantasie – aus all dem können wir unwillkürlich aber auch bewusst immer wieder neue Bilder und Ideen kreieren. Visionen kommen eher aus dem Unbewussten. Aber unsere persönliche Vorstellungskraft ist die eine Sache und das verantwortungsvolle Umsetzen und Handeln, die andere!

Somit ist Fantasie keine geheimnisvolle absolute Größe. Die Ausformung der eigenen Fantasie entsteht im Menschen im Laufe seiner persönlichen Entwicklung… sie ist die, einem jedem Menschen eigene, geistige Parallelwelt, in der sie/er sich nach Belieben aufhalten kann. So oder so, wir haben diesen geistigen, abstrakten Kosmos in uns, um zu überleben. Der Mensch ist vom ersten Moment der Zellteilung an ein absolut einmaliges (Menschen)Wesen, das einen Selbstwert besitzt. Da muss auch nichts oder wer, kommen und ihm seinen Selbstwert verleihen. Das Individuum Mensch ist in der Lage in seinem Geist ganze Welten zu erschaffen, ohne dass ein anderer davon etwas mitbekommt – das ist die konkrete Form der Anwendung der Fantasie. Denn wie gesagt, die Fantasie ist ebenfalls eine (körpereigenes) Instrument, unsere ureigene innere (virtuelle) Mal- und Gestaltungsfläche.

Wir besitzen also eine angeborene Vorstellungskraft. Das Vermögen durch Imagination innere Bilder zu erzeugen, deren Umsetzung nach außen ein Jedes nach seinen Fähigkeiten und Begabungen Ausdruck verleiht – durch Sprechen, Tanzen, Singen, Malen, Musizieren, Erzählen, Kochen, Schreiben, Bauen, Natur- und Werkstoffen gestalten oder anderen Handlungen, ist eine Strategie der Lebensbewältigung. Im zugewandten (Fürsorge)Gruppenalltag kannten und konnten wir all das schon an den Feuern der Steinzeit oder mehr oder weniger schon lange vorher.

Ein Kind (bzw. jedes Lebewesen) nimmt vom ersten Moment des Daseins alle es umgebende Eindrücke auf – die Signale unserer komplexen natürlichen Welt, in die es hineingeboren wird – es ist alles schon da. Wir lernen mit jedem Tag mehr damit umzugehen (weißt vielleicht noch eine, welche inneren Bilder die eigene Vorstellungskraft uns als Dreijährige bescherte?). Was wir im Laufe der Zeit (an Eindrücken) sammeln, kommt zu dem in unserem Gehirn und in jeder Zelle unseres Körpers angelegten Fundus, unserer persönlichen „Erbmasse“, hinzu. Und wir fangen seit dem Mutterleib an auf unser üppig angelegtes Menschenpotential zuzugreifen. Eine unserer Befähigungen mit der Welt in Kontakt zu treten und in ihr mit all den anderen Menschen zurecht zu kommen, ist die Fantasie und/oder unsere Spiritualität. Sie sind unser Experimentierfeld, Rückzugsraum und unsere Probebühne. Die hier entstehenden Konzepte tragen wir in unserem Handeln und Verhalten nach außen, auch das ist Teil unserer Überlebensstrategien.

Fantasie sowie Spiritualität findet im eigenen Kopf (Bilder) bzw. Körper (dazu gehörende Gefühle) statt und ist erst einmal keiner Beurteilung unterworfen, außer der eigenen. Zu meiner inneren Welt hat niemand sonst Zutritt. Erst wenn ich versuche mit meinen, mir eigenen Mitteln meinen Fantasien Gestalt zu geben, können andere diese wahrnehmen und von ihnen entzückt sein oder sich abwenden. Heute verfügen Frauen wieder über Freiräume uns gemeinschaftsorientiert auszudrücken (bezogen auf unsere gesellschaftskulturelle Verortung), was in der langen Zeit des Patriarchats nicht unbedingt zum Standard gehörte. Das Wichtigste für jedes Kind, das anfängt sich seine Welt zu erobern, ist ihm Zeit und Raum zur Verfügung zu stellen und die Möglichkeiten zu bieten die inneren Bildern der Fantasie den passenden gestalterischen Ausdruck zu verleihen. Außerdem – die Kraft der Fantasie muss nicht per se gut und schön sein. Nicht umsonst gibt es Worte wie „Gewaltfantasien“ oder „fantasielos“.

Unser eigener innerer Wertekompass, die Fähigkeit sich mit ‚richtig‘ und ‚falsch‘ auseinander zu setzen sowie unser empathisches Empfinden, nordet die Ausdrucksformen unserer Fantasie und unserer Spiritualität ein.

Die Fantasie ist stete sich ergebende Hochrechnung und Neukombination aller gesammelten Erfahrungswerte. Sie ist die innere Bühne auf der unser eigenes Stück läuft und wir wenden die Elemente der erlebten, eignen Erfahrungen und unserer ererbten Grundausstattung an. Eine meiner Theorien dazu ist auch: unsere (positiv geformten) Fantasie erhält uns „gesund“ und am Leben, wenn die Alltagsumstände ein glückliches oder zufriedenes Leben vielleicht gerade verhindern. Als Lebewesen steuern wir immer Wohlbefinden an und dazu wird alles aufgewendet was uns zur Verfügung steht, es ist ein evolutionärer Effekt des Selbsterhalt. Alles was wir als Menschen können, uns als Spezies angeeignet haben, entspringt und fließt in die Kombination Arterhalt durch Selbsterhalt. Und das was wir rationales Denken nennen, ist eine Kombination aus all unseren inneren geistigen Möglichkeiten wie die Kraft der Spiritualität oder eben auch der Fantasie…

Stephanie Ursula Gogolin

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Über Stephanie Gogolin

Tochter - Mutter - Großmutter - Ahnin
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Eine Antwort zu Rationalität versus Spiritualität und Fantasie

  1. Hat dies auf Wahrscheinkontrolle rebloggt und kommentierte:
    Stephanie Gogolin schreibt über die Synchronisierung unserer angeborenen Spiritualität durch die Institution der Religion.

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