Vom Postpatriarchat zur matrifokalen Gemeinschaft?

Der Begriff Postpatriarchat ist derzeit und verschiedendtlich recht gebräuchlich und deutet an, wenn ich es richtig verstehe, dass die unmittelbare Zeit nach dem Patriarchat bereits angebrochen ist. Uns wird mit diesem Begriff suggeriert, dass bereits eine Art Paradigmenwechsel stattgefunden hat bzw. in Gange gesetzt wurde. Dergleichen kann ich nicht feststellen. Zudem hat für mich der Ausdruck Postpatriarchat so ein Flair von postapokalyptisch.

Dieser Begriff bezeichnet auch keine konkrete Gesellschaftsform, sondern bringt nur die Hoffnung zum Ausdruck: das Ende des Patriarchat ist nah. Und einige tun so als hätte sie bereits begonnen, die erleichternde Zeit danach – nach der Patriarchose, nach der fatalen Väterherrschaft. Dass wir also mit einem Bein bereits in der noch nicht definierten Zukunft unserer globalen Gesellschaft stünden.

Meiner Meinung nach ist allerdings derzeit gar nichts „post“. Und weder der Beginn noch das Gefüge, des zu erwartenden gesellschaftlichen Öko- und Wertesystems einer zukünftigen Weltgesellschaft, ist bisher umrissen. Was folgt also nach dem Patriarchat und wie könnten sich tatsächlich die ernsthaften Schritte des Übergangs gestalten? Welche Art eines Gesellschaftsgefüges wird sich aus der jetzigen, für alle so erdrückenden Patriarchose entwickeln und was, wenn die Nutznießer der derzeitigen Kultur ihre Macht doch nicht einfach aus den Händen geben wollen?

Ich weiß, dass da eine gern zitierte Vision im Raum steht: Mann und Frau als autarke, also vollkommen unabhängige (auch wirtschaftlich), Individuen, welche sich aus Liebe und nach Bedarf zusammen tun und innerhalb gewisser, biologisch vorgegebenen, Lebensabschnitte für einen Fortbestand der Art sorgen, ohne ein (Mutter)Sippengefüge aufkommen zu lassen. Die reine Form einer Partnerschaft auf Augenhöhe, eine Art Fortführung des Eheideals auf höchstem Niveau, jedoch ohne das strenge Reglement des (christlichen) Ehegedanken und gleichzeitig unter Vernachlässigung der relevanten elementaren Kindheitsphase und möglichst ohne Wahrnehmung des biologischen Alterungsprozesses. Der immer noch und nahezu naiv vorgegebene, gesellschaftliche LeitSinn zielt auf das (unnatürliche) Ideal eines mehr oder weniger dauerhaften Zweier-Bündnis, welche Nachwuchs produzieren soll, jedoch nicht verpflichtet ist eine (kollektiv relevante) Altersabsicherung zu gewähren.

Ich kenne noch zu gut diese futuristischen Trugbilder aus der Zeit meiner Jugend, die ich im DDR eigenen sozialistischen UtopieTop der staatlichen Indoktrination und dem dazu passendem Schulsystem erlebte. Nichts davon hat je wirklich funktioniert und wird es auch nicht. Daher fällt es mir auch außerordentlich schwer, mir das Postpatriarchat als eine funktionierende Partnerschaftsgesellschaft (ohne die ursprüngliche Sippenbindung) vorzustellen. Das ist für mich genauso unrealistisch, wie einst die kommunistischen Gesellschaftsmodelle einer marxistisch – leninistischen Ära, die ähnliche utopische Ideen pflegten, dabei auf jede Art von technischem Fortschritt setzten und in den sozialen Bereichen diffus eine allgemeine Verbrüderung als tragendes Element annahmen. Und wie im Patriarchat üblich wurden nicht nur die Schwestern vergessen, noch wurde der Mütter und Töchter gedacht.

Der Mann als Träger des Postpatriarchats?
Wie wird sich also, wenn es soweit ist, die postpatriarchale Gesellschaft entwickeln? Aus welchen, heute bereits wirksamen Impulsen geht denn das neue Paradigma hervor?

Wird der Mann, die ihm bisher (durch göttliche Fügung) beigegebene Gehilfin „Frau“, zu seiner gleichberechtigten Nenn-Partnerin machen und auf jede Form weiblicher Ausbeutung und Diskriminierung verzichten?

Oder strampelt sich der Großteil der Frauen frei? Findet nach dem langem vergeblichem individuellen, jetzt ein kollektives Bemühen der Frauen statt, den Mann überhaupt erst grundsätzlich menschenfreundlich und partnerschaftstauglich auszubilden um damit für jede/n ein ersprießliches, Nähe garantierendes, Zusammenleben zu gewährleisten?

Findet im Postpatriarchat nach der Sozialisierung des Machoman dann weiterhin eine Art permanenter Singlebörse als einziger Sinn der Lebensgestaltung statt? Und wo finden wir den Ort der Sozialisierung, um einen postpatriarchaltauglichen Mann zu kreieren? In der tradierten Kleinfamilie wohl nicht, dass hat bisher auch nicht geklappt! Oder durch all die alleinerziehenden Mütter bzw. Väter? Oder gar in dem Gewirr der modernen Patchworkfamilien-Landschaft oder in einem, der matrifokalen Sippe nachgebildeten, Wahlclan, in dem aber nach wie vor die Mutter-Tochter-Bindung fraglich bleibt?

Um weiterhin weit weg von mütterlichen oder blutsverwandten Verbandelungen, das erwachsene, bindungsarme, autarke Individuums zu formen und auf die Suche nach einzelnen Partnern zu schicken, die ebenso unter den Defiziten leiden, die so eine moderne Vereinzelung mit sich bringt? Denn der Dreh- und Angelpunkt scheint für den Mainstream auch in der Zukunft immer noch in einer differenzierten Neuordnung des Geschlechterverhältnis außerhalb einer naturgemäßen Bindungsgemeinschaft zu liegen.

Es wird ihn (hoffentlich) nicht geben, den Gender-Norm-Menschen der Zukunft – für den prinzipiell keine Geborgenheit in einer (menschenartgerechten) fürsorgenden Herkunftsgemeinschaft vorgesehen ist und der durch den postapokalyptischen Mainstream zum beziehungsbereiten, doch bindungsarmen, flexiblen Partner für jedefrau bzw. jedermann geformt wird. Woher kommt er also dann, der gewaltfreie, partnerschaftliche, sozial eingestellte und fürsorgende Mann?

Unsere (biologische) Natur können wir nicht abschütteln und so wird der Mensch auch weiterhin als ein von mütterlicher, menschlicher Fürsorge abhängiges Wesen zur Welt kommen. Da unsere moderne Gesellschaft in allen ihren patriarchösen Ausprägungen leider bereits vorhanden ist und gefühlt aus nur fertigen erwachsenen Menschen im besten Erwachsenalter besteht (alle anderen werden weitgehend outgesourct) gibt es keinen Ort für menschliche Sozalisation.

Diese festgelegte erwachsene Welt kreist als Ego-Karussell durch unser Leben. In dieser Welt haben es all die kleinen hineingeborenen Menschlein nicht einfach, das zu bekommen, was sie eigentlich für ihren Start ins Leben brauchen und um auch später ihre individuellen Lebensaufgabe zu erfüllen. Das per Erbanlage erwartete Matrifokal ist jedenfalls schon mal nicht in unserem Alltag präsent. Wir kommen auf die Welt und müssen als Individuen erst einmal lernen im jeweiligen (patri)kulturellen Kontext zu interagieren und uns nach und nach die Anforderungen des späteren erwachsenen Lebens erarbeiten. Die urzeitlichen Menschen (deren Muster bei uns noch wirksam sind) wuchsen (über Jahrtausende) unmittelbar in einem Sippengefüge unter Geschwistern und direkten Angehörigen auf und verblieben in der Regel bis ans Ende ihrer Tage in diesen Gemeinschaften. So erlebte die/der Mensch permanent jede menschliche Alters- und Entwicklungsphase bei den Anderen mit und an sich selbst. Die natürlich aufgewachsene Frau wird auch daher ohne weiteres den weiblichen Gesamtzyklus verinnerlicht haben.

Die eigenen ineinander fließenden Lebensabschnitte waren (sind) komplex mit denen der Nähemenschen (Sippenangehörige und Alltagsgefährten) verwoben. Das menschliche Dasein fand/findet in unmittelbaren Bindungsfeldern statt, die zyklisch und generativ verschränkt waren und immer noch sein sollten. Dass ihre Lebensabläufe heutzutage von vielen Mitfrauen oft wie eine Einbahnstraße gelebt werden, ist der männlichen Dominanz geschuldet, welche alle unsere Alters- und Lebensphasen beherrscht. Die Frau lebt von Natur aus eigentlich einen anderen Rhythmus als der Mann und würde es jederzeit wieder tun, sobald sie wieder ihrer Female Choice und ihrem matrifokalem Erbe folgen kann.

Das Patriarchat baut sich vor allem auf die vitale (und damit aggressive) Lebensperiode des Mannes auf. In dieser Phase eines Männerlebens wurden die heute noch wirksamen hierarchischen Machtpotentiale geschaffen. Hier ist der Mann kein von der Mutter abhängiges Kind mehr und (noch) kein von der Sozial-Gemeinschaft abhängiger alter Mann, sondern scheinbar immer der starke (je nach Sub-Kultur auch gewaltbereite) und im Kreis seiner Verbündeten lebende, Mann mittleren Alters.

Der wettbewerbende Mann im mittleren Alter ist der Taktgeber in unserer patriarchösen und androzentrierten Gesellschaftsstruktur. Ein Postpatriarchat würde erst einmal weiterhin unter der Dominanz des Mannes stehen, da das weiterhin wirksame Ideal des Vaters vermutlich nicht relativiert würde. Der individuelle Vater ist ein kulturelles Konstrukt, dass parallel mit der gewaltsam eingeführten Herrschaftshierarchie platziert wurde. Das ursprünglichen Gefüge unserer artgerechten matrifokalen Gemeinschaft wurde dadurch nach und nach fast vollständig global zerstört.

Der Vater und das Postpatriarchat
Die Berufung auf die Wichtigkeit der Vaterschaft halte ich für eine männliche Kampftaktik und weniger als die Vorstellung, dass der Mann einst seine Bedeutung bei der Entstehung des Nachwuchses erkannte und bereit war in diesem Sinne Verantwortung zu übernehmen. Der Sohn hatte für den Vater im beginnenden Patriarchat einen bedeutenden Stellenwert, als verlässlicher Verbündeter, als sein Erbe, als Verlängerung der eigenen Person über den Tod hinaus.

Dass die Vater-Sohn-Konstellation auch immer wieder Konflikte barg und heute noch problematisch ein kann, ist allerdings auch zu bekannt. Heute hat der Sohn im Sinne von Status, für den in der westlichen Kultur lebenden Mann keine so mächtige Bedeutung mehr, wie zu Zeiten der beginnenden patriarchalen Androkratien. Da heißt es eher: mein Haus, mein Auto, meine Yacht – aber weniger mein Sohn oder gar meine Tochter. Auch wenn es den Anschein hat ich tue hier einer Menge Männer unrecht, läuft, wenn wir genau hinsehen und uns nicht von den neuen Idealen blenden lassen, das volle Patriopathieprogramm immer und überall im Hintergrund mit. ‚Pater‘ bedeutet nun mal, wie wir eigentlich wissen sollten, nicht Vater (im biologischen Sinn), sondern Herr. Sehr schön ist hier in dem Zusammenhang das Beispiel des Papstes, der ja nun im heutigen Verständnis so gar kein (sorgender) Vater ist, jedoch von seinen Millionen Gläubigen und auch von der atheistischen Welt als (Heiliger) Vater bezeichnet wird.

Nichts finde ich derzeit schwieriger einzuordnen als den Vaterbegriff, obwohl er allen mit dem allergrößten Selbstverständnis über die Lippen geht. Egal ob leiblich, sozial oder im übertragenen Sinne, Vater ist der Begriff, welcher mit dem Patriarchat unmittelbar verknüpft ist und ihn nicht nur sprachlich geprägte. Ich persönlich kann mir die Zeit nach dem Patriarchat eigentlich nur als mütterlich-egalitäre Gesellschaft, als eine matrifokal-basierte Welt vorstellen. Eine Welt in der die Geschwisterlichkeit wieder ihren Platz hat und das generationsübergreifende Selbstverständnis zu unserem Bewusstsein gehört. Der heutige populäre Partnerschaftsgedanke alle, auch einander fremde, Männer und Frauen sind sich menschlich zugetan und spüren immer und überall ein partnerschaftliches Verständnis, wird sich bei aller Anstrengung höchstens als eine Art Übergangslösung entpuppen, da diese Art Partnerschaft auf (anonymer) Nichtverwandtschaft basiert und ein rein ideologisches (bzw. politisches) Konstrukt ist. Und daher sage ich es gern immer wieder: es wird nicht funktionieren. Denn dem Individuum, gleich welchem Geschlechts, wird weiterhin bei dem Gesellschaftsmodell der Partnerschaft, also dem Paarkonzept ohne Angehörigenbindung, die erforderliche Geborgenheit und kollektive Fürsorge und Nähe entzogen. Als unser artgerechtes Sein sollten wir endlich die geschwisterliche und durch allgegenwärtige Mütterlichkeit geprägte Gemeinschaft anerkennen, denn hier wird, wahrscheinlich schon immer, in angemessener Form den Geschlechtern (egal wie vielen) Gerechtigkeit zuteil.
Nun ist ja Patriarchatsrecht nicht automatisch Männerrecht. Es gibt reichlich Anzeichen dafür, besonders im Hinblick auf das Wirtschaftssystem, dass die uns umgebende Patriarchose hin zu einer maligen Phallokratie fortschreitet. Nicht der, ohnehin fragwürdige, väterliche Anspruch konditioniert die Gesellschaft, sondern ungezügelte, männliche Hybris weniger Privilegierter, die sich wie Geiselnehmer der Gesellschaft verhalten oder sich wie Drahtzieher im Hintergrund halten. Auch das Patriarchat war und ist bisher kein Maßanzug für JederMann. Immer wieder müssen wir Frauen mitansehen, dass die wahren Privilegien im Patriarchat auch den Männer nicht in den Schoß fallen und nicht ein jeder automatisch ein Gewinner ist. Um zu einem Gewinner aufzusteigen, gilt es erst einmal sich dem allgemeinen Wettbewerb zu stellen und diverse reale und virtuelle Kämpfe auszutragen. In den Anfängen des Patriarchats war das wörtlich zu verstehen. Eine entsprechende Herkunft hat zwar schon immer diese Form des Anerkennungskampfes erleichtert, aber am Ende sind Triumphzüge trotzdem selten genug. So mancher Knabe fängt zwar bereits durch „patrilinear verstandene“ Geburt recht weit oben auf der Hierarchieleiter an, doch das ist keine Garantie am Ende zu den Gewinner der Patri-Gesellschaft zu gehören. Das Zeitalter der Väter, der Macht gewohnten Patriarchen, scheint sich zwar ab und zu aufzulösen, aber nicht etwa um den nun gleichberechtigten Müttern (Frauen) Platz zu machen. Der nächste Backslash kommt bestimmt und gerade eben trifft bereits wieder einer in der Gegenwart auf und wie Gabriele Uhlmann sagt, haben wir jetzt das Patriarchat 3.0 …

Die Frau und das Postpatriarchat
Dieser Tage sind die patriarchalen Strukturen immer noch eine Art Konfektion für den Mann mittleren Alters (bevorzugter Typus: Einsamer Jäger), ein Anzug, der natürlich trotzdem nicht jedem passt. Da sich derzeit die ethisch/ideologische Kleiderordnung von ausschließlich ‚Mann‘ auch hin zu ‚Mensch‘ erweitert hat, dürfen auch Frauen mehr denn je in diese Kostümierung schlüpfen. Unter bestimmten Umständen können sie sich zeitweise auch gut darin bewegen, doch vom Grundansatz her ist es immer noch ein maskuline Uniform.

Wirkliches weibliches Sein und weibliche Werte finden nur schwer Einlass in die patriarchalen Männerbünde (und ehrlich gesagt, haben sie auch dort nichts zu suchen). Der Kampf, manchmal um jeden Preis, der auf die Niederlage der Gegner und den eigenen Sieg zielt, ist auch nicht wirklich ein Frauen- und Mütter-Ding. Obwohl auch da unser Schulsystem so früh wie möglich Mädchen und Jungen in einen ungesunden Wettbewerb zwingt und Konsens, Miteinander und jegliche Kooperation vergessen lässt. Dass Frauen immer noch nicht die Chefetagen stürmen, liegt nicht nur an der sogenannten gläsernen Decke, sondern auch daran, dass Frauen dem System hilflos (…was soll das Ganze?), kritisch (…wozu soll das Gerangel nützen?) oder unwillig (…ach nee lass mal, ich will das nicht!) gegenüberstehen. Sich im Wettbewerb unter Einhaltung der Hierarchieregeln nach oben zu kämpfen ist für so manch eine Frau keine Option, sondern nur eine verdammte Zeitverschwendung. Denn als Mütter haben wir eigentlich doch was anderes, etwas Besseres, zu tun.

Bleibt also nach wie vor die Frage: können wir das Patriarchat überwinden und uns als Gesellschaft heilen? Werden wir statt der Patriarchose und deren postumen Erscheinungen eine Gesellschaft schaffen, die nahtlos an das Konzept der matrifokalen Urgemeinschaft anknüpft?

Bisher wollen ja die meisten nicht in die Steinzeit zurück. Und selbst wenn sich auch gerade an der Stelle neue Einsichten bilden, hat trotzdem fast eine Jede Angst die bequeme Moderne zu verlieren. Übersehen wird dabei ständig, dass wir nicht das steinzeitliche Know-how zurückholen wollen, sondern die (menschen)artgerechten, sozialen und damit matrilokalen Bedingungen unter denen unsere Ahninnen lebten. Dass wir des Geist des Kontinuum wieder entstehen lassen, in dem einst die Mensch die Grundlage zum humanen Menschen gelegte. Wir sind das Ergebnis unseres naturgemäßen und artgerechten Seins. Diese Basis wieder als Alltagssituation zu küren und einzuführen wäre schon allen Kindern zuliebe wünschenswert.

Hier begegnet mir leider immer wieder eine sehr geringe Vorstellungskraft, die gerade unter Frauen in den bangen Fragen gipfelt: „Wie soll das denn gehen?“ oder „Wo bleiben da die Männer?“. Und die Feststellung, dass wir ja ‚vieles nicht wissen können‘, weil niemand von uns in der Vergangenheit dabei war, ist ebenfalls sehr beliebt.

Da die (anerkannten) Wissenschaftler der Archäologie oder ähnlichen Disziplinen so manches völlig anders darstellen, traut frau oft nicht ihrer Vorstellungskraft, die doch eigentlich unsere kollektive Erinnerung ist. Ich bin eh der Meinung, dass wir, als aufmerksames Individuum, so viel mehr wissen, als nur die von Schulweisheit sparsam servierten Faktenhäppchen, die uns in männlich/ patriarchaler Manier auch noch vor-interpretiert werden. Frauen sollten wirklich endlich damit beginnen die Welt zu erklären.

Dazu ein kurzer Auszug aus meinem betrachtenden Essay „Das weibliche Wissen“…:
Unser Wissenserwerb geschieht von Anbeginn über unser sinnliches Sein und wird bewahrt durch die aktive menschliche Erinnerung, die immer eine kollektive Komponente war und ist. Unsere Ahninnen, heißt es, kamen viel herum … sie waren als Wildbeuterinnen unterwegs. Allerdings sind sie nicht etwa nur irgendwie ziellos in der Welt herumgestreift und haben „Beute gemacht“. Sondern sie erkundeten systematisch die Landschaftsgebiete, in denen sie lebten und die die Nahrung für die Sippe sicherstellten. Oft über viele viele Genrationen hindurch und das Wissen, das frau daraus zog, wurde nicht nur von einer Person verinnerlicht, sondern als aktive kollektive Erfahrung abgespeichert (ein Effekt der Epigenetik). Sie brachten Kunde davon in ihre Gruppe, zu denen, die noch nicht oder nicht mehr mithalten konnten und sie legten diese in den persönlichen und vor allem in den kollektiven Erinnerungsspeichern ab und zwar in den Hirnen aller Gemeinschaftsangehörigen. Vergessen wir nicht: Kommunikation ist weiblich!

Alles, was sie unterwegs gesehen, geschmeckt, gerochen, gehört und gefühlt hatten gaben sie weiter. Nie kann Eine je alles allein erfahren und trotzdem verfügen wir als Individuum oft über ein sehr umfangreiches Wissen. Schon weil sich das Individuum nie selbst an alle Plätze dieser Welt begeben und wenn, dann dort andere eigene Erfahrungen macht und weil wir immer viel mehr sind als ein Einzelwesen … der Mensch als Gruppenwesen tritt (als Person) mit einem umfassenden Anlagepool in die Welt und dieser Erbteil unserer Ahninnen ermöglicht(e) uns unser lebenslanges Lernen und Erinnern, das wiederum jedem Einzelwesen und der Bindungsgemeinschaft zu Gute kommt. Menschen nehmen, wie alle andere Lebewesen auch, das Wissen der sie umgebenden Umwelt osmotisch auf und zwar vom Anbeginn ihrer personellen Existenz. Unsere Sinne sind unsere Verbindung nach außen und zwar jeden Moment des Lebens, auch wenn einem das im Alter nicht mehr so vorkommt. In der Natur (aber auch in der von Menschenhand und -hirn geschaffenen Kultur) sind daher alle unsere Sinne von immenser Bedeutung. Das ist unsere Natur. Selbst wenn Unmassen von Ideologien, Theologien oder Patrireligionen uns weismachen wollen, dass der Mensch als eine Art beseelte Schöpfung kreiert wurde bzw. eine (natur-) unabhängige Seele hat.

Wenn wir allerdings auf eine Art Beseelung bestehen, dann wäre das für mich der Kollektivgeist den wir in uns tragen. Die gespeicherten Erfahrungswerte unserer Vorfahren, zu denen auch all unsere Vorgängerarten gehören. Unser erstaunliches und scheinbar autarkes Wissen ist nie eine Einzelleistung des Individuums, auch wenn das manche gern hätten. Es gibt imho kein Wissen und keine Erleuchtung oder große Vision deren Grundlagen nicht ohnehin ständig kollektiv neu angelegt, vervollkommnte und individuell variiert wird. Wir mixen nur aus allem, was wir in uns tragen (was bereits durch die langen Verkettungungen zwischen dem Potential unserer Vorfahrinnen grundgelegt wurde) und dem was wir im Laufe unseres Lebens dazu erworben haben ein ständig neues Bild von der Welt und ihren Möglichkeiten und zwar seit dem Moment, in dem wir eine winzige Eizelle waren. Unser persönliches Wissen um die Welt, in die wir hineingeboren wurden, gipfelt darin ein einzigartiges Individuum einer bestimmten Spezies zu sein – aber ohne alle Anderen vor uns und diejenigen, die bis heute unsere Nähegemeinschaft bilden, wären wir nur der vergängliche Flügelschlag eines Schmetterling im Fluss der Zeit.

Die Mutter und die artgerechte Fürsorgegemeinschaft – die postpatriarchale Alternative! Als soziales Lebewesen haben wir uns auch Regeln des Zusammenlebens geschaffen. Der grundlegende Automatismus war und ist: das Wohl der Nähe-Gemeinschaft und somit des Individuums, denn das wiederum garantierte den, über den Selbsterhalt hinausgehenden Arterhalt, der weitere Lebenserhalt im Nachwuchs der Spezies.

Vergessen wir die angebliche Bedeutung von Unterrichtsstunden oder Lehrbüchern, sie sind nur ein (kleiner) aufgesetzter Teil der gesamten Lernerfahrung unseres Daseins. Entscheidend ist dagegen immer die innige, die intensive und wohlwollende Nähe der Fürsorgegemeinschaft in die einst das Menschenkind hineingeboren wurden und auch heute noch wird. Die aus (bevorzugt konsanguinen*) Angehörigen bestehende Fürsorgegemeinschaft ist der Lebensschlüssel unseres Menschseins seit der Zeit, da sich die Spezies Mensch zu formen begann.

Was ist die Nähe-Gemeinschaft, der unmittelbare Nähekreis? Was können wir uns darunter vorstellen. Die klassische (Klein)Familie ist es nicht und nur bedingt opportun für ein Kind. Denn was ist schon für ein Kreis der lediglich aus aus zwei (erwachsenen) Personen besteht: Vater und Mutter? Noch dazu wenn das Kind sie oft über mehrere Stunden am Tag kaum zu Gesicht bekommt. Selbst wenn zusätzlich Geschwister da sind, bleibt dem Kind in der Regel die Erfahrung verwehrt von verschiedenen angehörigen Nähepersonen betreut zu werden, ihnen am Tag immer wieder zu begegnen bzw. mit ihnen nach Bedarf zu interagieren.

Trotzdem ist der Kern eines jeden Menschenbeginns die Mutter-Kind-Einheit und das was ich als Nähekreis bezeichne, die matrifokale Fürsorgemeinschaft, ein Umkreis von nahestehenden und vor allem (konsanguin) verwandten Menschen im Alltag, die permanent zu uns gehören und in dem die Einbettung der Mütter und ihre Kinder als Selbstverständnis daher kommt.

Leider ist es heute, besonders in der westlichen Kultur, mit einer beständigen, fürsorgenden Nähegemeinschaft nicht weit her. Die Kleinfamilie (bzw. zunehmend das alleinerziehende Elternteil) ist ein mangelhaftes Surrogat. Dieser Nähekreis, der aus einem maximal zwei erwachsenen Menschen zusammensetzt ist und nur dauerhaft funktionieren kann, weil er unterstützt wird durch ein Heer anonymer Dienstleister, die zum Teil als fragwürdige Miterzieher der Kinder fungieren. Konsanguine und weitere Verwandte sind eine Mangelerscheinung, während jedwede Fremdbetreuung zum Standard gehört.

Sollten wir als Gesellschaft die Vernunft aufbringen und wieder anfangen ‚von der Mutter her‘ zu denken und an das natürliche soziale Gefüge unserer Ahninnen – die Matrifokalität – anknüpfen, bliebe auf alle Fälle unseren Kindern die immer dramatischer werdende Vereinzelung für den Rest ihres Lebens erspart. Die Mütter, ihre Schwestern und Brüder, die ab jetzt das Postpatriarchat aufräumen werden, müssen sich auf Menge Arbeit gefasst machen. Eine gründliche Trennung von all den patriarchösen und somit schädlichen, Konditionierungen und hin zu den naturgemäßen und somit humanen Werte, dürfte für eine Jede(n) eine Lebensaufgabe werden.

*konsanguin – durch Geburt verwandt in mütterlicher Linie

… dieser Text entstand aus verschiedenen meiner Kommentare und Statements …
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Über Stephanie Gogolin

Tochter - Mutter - Großmutter - Ahnin
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4 Antworten zu Vom Postpatriarchat zur matrifokalen Gemeinschaft?

  1. Pingback: Die Mutter und die artgerechte Fürsorgegemeinschaft – die postpatriarchale Alternative! | Der Mensch - das faszinierende Wesen

  2. Martin Bartonitz schreibt:

    Danke für diesen bedenkenswerten Artikel!
    Ich habe mir erlaubt, den letzten Teil wie folgt hier einzubauen:
    https://faszinationmensch.com/2019/07/27/die-mutter-und-die-artgerechte-fursorgegemeinschaft-die-postpatriarchale-alternative/

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