Der Androzentrismus als Gesellschaftsatmosphäre

Betrachtung von Stephanie Ursula Gogolin zum grundsätzlichen Androzentrismus im Patriarchat…

Der Androzentrismus als Gesellschaftsatmosphäre ist wie ein Aggregatzustand, in dem wir uns bewegen, ohne die anderen Möglichkeiten zu kennen und als wäre er das einzige lebenserhaltende Elixier…

Der allgegenwärtige Androzentrismus trägt eine jede Frau im patriarchalen Taufkleidchen zu den ersten Weihen der Gesellschaft und begleitet sie durch jede Station ihrer gesellschaftlichen Existenz bis hin zu ihrem einsamen Sterben – einsam im Sinne einer, in ihrem Alltag fehlenden präsenten Weiblichkeit.

Wir Frauen sind so auf maskuline Werte geprägt, dass es fast nicht möglich ist, das eigene Frausein tatsächlich, wie es normal wäre, stets zu fühlen oder um uns herum als schwesterliche Präsenz wahrzunehmen. Bei vielen blitzt wahrscheinlich nur gelegentlich die Ahnung auf, dass wir um das weibliche Miteinander betrogen werden. Die weibliche Seele der Menschenwelt in ihrer mütterlichen Offenbarung ist weder individuell noch im kollektiven Kontext spürbar. Jede psychische, soziale und kulturelle oder auch körperliche Prägung* formt inzwischen ein jedes weibliche Menschenwesen zu eine Art Android. Ein lebendes Kunstwesen, das mit einer komplexen maskulinen Programmierung versehen, die Welt der Androzyten am Laufen hält. Der innere und äußerliche Kodex dieser unanimen Prägung wird seit Jahrtausenden angewandt und ist nur auf ein Ziel gerichtet: die Hingabe einer jeden Frau an den Mann.

Die vom Mann geschaffene komplexe Idee der Versklavung (vor allem weiblicher Menschen) ließ u.a. eine abstrus einseitige Weltidee entstehen, die es schaffte, dass bis heute beide Geschlechter des denkenden Durchschnittsbürgers jede ihrer Wahrnehmung durch androzentrierte Filter fließen lassen.

Erst in jüngerer Zeit greift auch noch die wahrhaft absurde Spielart um sich, als heranwachsende Frau einem Ideal nachzueifern, in dessen Mittelpunkt der privilegierte Mann steht. Alles was Männer können und machen, machen und können heutzutage Frauen auch. Sie sind motiviert zu beweisen, dass sie „das“ auch können. Dabei wird geflissendlich übersehen, dass sie es vor allem deshalb können, weil ihnen, vielleicht zum ersten Mal in der patriarchalen Konstellation, der Freiraum zugestanden wird, ihre ohnehin vorhandenen Anlagen und Begabungen auszuleben. Denn der Punkt dabei ist, dass die Frau, das konkrete Weibliche, schon immer die Matrix dazu, beiden, sowohl der Tochter wie auch dem Sohn, vererbt und damit bereitstellt. Das heißt, alle Begabungen und veranlagten Fähigkeiten wurden/werden Männern von ihren Müttern vererbt und des weiteren durch fürsorgende Mütterlichkeit mitgegeben.

Solange (artgerechte) Mütter- und Geschwistergemeinschaften die Vorlage des sozialen Miteinander für einen jeden Mann war (ist), gab es (vermutlich) auch keine nennenswerten Probleme mit dem Nähekonformen Zusammenleben. Der erforderliche Einsatz für ein ausgewogenes Miteinander war lediglich der Einsatz der individuellen (besonderen) Fähigkeiten aller Gruppenmitglieder. Es ist also gar keine Frage, ob die Durchschnittsfrau zu gleichen Leistungen fähig ist wie ein Durchschnittsmann, sie ist es von Anbeginn! Die Fragestellung sollte vielmehr genau anders herum lauten.

Die punktuellen Ausnahmeleistungen** die der Mann in seiner für ihn gestalteten Kultur- und Technikwelt zelebrierte und die als Argument für seine intellektuelle Überlegenheit dient, sind überwiegend Leistungen, die wahrscheinlich die meisten Frauen kaum als erstrebenswert ansehen. Ein Hinweis darauf, dass Frauen bis heute, obwohl es für die Durchschnittsfrau von ihren physischen und intellektuellen Voraussetzungen durchaus möglich wäre all die Vorgaben und Karriereziele erreichen könnten, die Ideale der Männerwelt eben nicht die ihren sind.

Denn eigentlich haben sie Besseres zu tun. Ihre Kinder aufziehen beispielsweise oder im menschlichen Fürsorgekontinuum sich gegenseitig erhalten. Dem Druck nachzugeben als Frau dem (patriarchalen) Mann nachzueifern, ist nur ein Ableger davon, sich selbst und ihre Kinder wirtschaftlich erhalten zu müssen. Als moderne Frau sind wir auch hier dem androzentrierten Gesellschaftskatalog unterworfen.

Trotzdem herrscht vor der Kulisse des Irrtums, die Natur und die Kultur-Welt habe eine männliche zu sein, die seltsame Furcht der Protagonisten vor der ‚übermächtigen Frau‘. Dieser Popanz wird uns ständig medial gespiegelt. Alle sollen sie fürchten – die Frau! Der man Gewaltbereitschaft und Machtgier unterstellt und darüber hinaus in jeder Frau eine Intrigantin sieht, die skrupellos die Welt erobern und sich untertan machen will. Diese schon mythologische Phobie ist und bleibt eine Männerphantasie und immer noch die Lieblingsausrede für das Ausbremsen der Frau auf allen Gebieten. Die wenigen im patriarchal-politischem Sinne ‚mächtigen Frauen‘ sind daher bloß patriarchal sozialisierte Frauen.

Der patriarchale Mann neben der naturgemäßen evolutionären Selektion, so etwas wie sein eigenes Züchtungsprodukt. So entstand der Mann als die stets abrufbare Kampfmaschine – der verfügbare Krieger, der gehorsame Soldat oder der opferbereite Held. Seit durch Generationen von diversen Machthaber die „freiwillige“ Wettbewerbs- und Kampfbereitschaft beim (Durchschnitts)Mann gefordert, gefördert und erzwungen wurde, erwies sich der hierarchisch integrierte Untertan zum Selbstläufer. Dabei griff als wesentliche Zutat des Über-Vater-Konzepts jede Form von patriarchaler Ideologie und die auf reinen Androzentrismus eingestellten Religionen.

Ein Menschenmann ist nämlich per se auch nicht gewalttätig, sondern dieser Effekt wurde quasi gezüchtet, also vom Manne selbst selektiert. Heute ist in der derzeitigen abendländischen bzw. europäischen Kultur der gewalttätige Mann, obwohl es ihn auch gibt, eigentlich kaum eine Alltagserscheinung. Aber er ist prinzipiell als geduldete Option vorhanden. Der schlagkräftige und körperlich in jeder Hinsicht potente Mann wird uns nach wie vor über alle Medien als Ideal präsentiert. Die Gewaltbereitschaft des Mannes ist legendär. Und damit können wir davon ausgehen, dass viele Generationen die Erfahrung traumatischer Sinneseindrücke und körperlich erlebter Gewalterfahrung (bereits epigenetisch) weitergaben. Zum Überleben wollen in und mit der Natur kam die kulturell geschaffene Notwendigkeit eines Überlebens müssens innerhalb der eigenen Spezies.

Aber es setzten sich im menschlichen Mutationsuniversum auch andere Attribute durch. Die nerdige ‚Züchtungsvariante Mann‘ ist ein besonders schönes Beispiel, wie sehr epigenetische Effekte immer wieder neue Spielarten ‚Mann‘ hervorbringen. Und so können wir uns hier fragen: ist der heutige Nerd ein reines Kulturprodukt oder eine unter dem Eindruck von Kultur passierte evolvierte Selektion? Wie oft gab es einen steinzeitlichen Nerd, mit dem typisch autistischen Couleur? Oder ist der sozialphobische Nerd eine reine Kreation der Neuzeit? Und wieviel Nerd steckt in den Müttern dieser Kinder? Und wie sehr ist grundsätzlich die Frau „degeneriert“ worden? Ich meine damit, wie sehr hat der inzwischen dramatische Mangel an artgerechtem Naturbezug der menschlichen Weiblichkeit geschadet?

Die Androzentierung unserer Welt ist ja nicht eben mal so passiert, weil grundsätzlich alle Männer eines Tages so viel empathischer, klüger, vorausschauender, weiser oder humaner als die Frauen wurden, sondern im Gegenteil, weil sich durch einige Initialzündungen soziopathischer (oder psychopathischer) Art, im männlichen Kollektivkörper Eigenschaften wie unsoziales Verhalten, Gier nach Besitz und Macht, Hartherzigkeit, Skrupellosigkeit und eine nicht enden wollende Affinität zur Gewalt potenzierten. Der dadurch entstandene Androzentrismus ist bis heute das Fundament und der Motor der toxischen Gesellschaftsform, welche der patriarchale Mann für uns alle bereitstellt. Wir nennen dieses Ideal einer Väterherrschaft Patriarchat, aber eigentlich ist es eine Patriarchose***, ein Krankheitsbild, dessen hervorstechenstes Symptom der Androzentrismus sein dürfte.

* die schlimmsten sind Verstümmelungen aller Art, aber auch das derzeitige Schlankheitsideal fällt in diese Kategorie

** wie Eroberungsbestreben, strategische Kriegsführung, (unnötige) pyramidale Bauwerke, technische Erfindungen, Forschungsarbeit zur Profitmaximierung, als Fortschritt deklarierter Raubbau an Ressourcen usw. …

*** Begriff by bei Dagmar Margotsdotter
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3 Gedanken zu “Der Androzentrismus als Gesellschaftsatmosphäre

  1. Marcus Breitmeyer

    „Trotzdem herrscht vor der Kulisse des Selbstverständnisses, die Welt habe eine männliche zu sein, die seltsame Furcht vor der ‚übermächtigen Frau‘.“

    Die Pat-Twats befürchten, zum Opfer von Racheakten zu werden, sollte es einer Frau oder womöglich den Frauen insgesamt gelingen, die (dann Frauen-) Herrschaft an sich zu reißen, den Spieß umzudrehen, und ein Patriarchat unter umgekehrten Gender-Vorzeichen zu errichten. Mann geht dabei von sich aus, vom eigenen Denken, Fühlen und Handeln. Vielleicht sogar zu Recht. Denn seien wir mal ehrlich: Die Herren dieser Welt haben über viele Generationen hinweg nichts unversucht gelassen, um sich die Rache der Frauen zu verdienen. Die Herren hinzurichten, sie einfach nur zu töten, um sich ihrer zu entledigen, fände ich jedoch ungerecht. Eine gerechte Strafe wäre es, ihnen wieder und immer wieder den Spiegel vorzuhalten und sie im vollen Bewusstsein ihrer Hässlichkeit am Leben zu lassen. Die Hölle ist im Diesseits, und der Tod ist die Erlösung.

  2. Marcus Breitmeyer

    „Oder wie sehr ist auch die Frau grundsätzlich „degeneriert“ worden? Ich meine damit, wie sehr hat der inzwischen dramatische Mangel an artgerechtem Naturbezug der menschlichen Weiblichkeit geschadet?“

    Eine sehr gute Frage. Ich bin begeistert! Kürzlich hatte ich einer Bekannten folgendes geschrieben:

    „Ist es möglich, eine Frau (oder ein Herr) zu sein, ohne (irgend) eine Frauen- (oder Herren) Rolle (vor) zu spielen? Oder bedingt eines das andere? Ich gehe von der Annahme aus, dass die Frau ein patriarchales Phänomen ist, und dass selbiges für den Herrn gilt. Falls diese Annahme richtig ist, lautet der Umkehrschluss, dass es im Matriarchat weder Frauen noch Herren gibt, und dass dort keinerlei Notwendigkeit für ein solches Rollenspiel besteht. Entsprechende Anrede-Formen sollten in den matriarchalen Sprachen ebenfalls nicht vorkommen. Im Patriarchat sind die Rollen als Frau oder als Herr regelmäßig wesentliche Bestandteile der jeweils eigenen Identität, die als Rollen-Identität per se eine patriarchale ist. Im festen Glauben, eine Rolle spielen zu müssen, haben wir die patriarchale Ideologie internalisiert. Das Patriarchat ist dadurch zu einem Teil von uns geworden, und wir zu einem Teil des Patriarchats. Alternativlos ist das nicht, denn Rollen müssen nur innerhalb des Patriarchats gespielt werden, nicht außerhalb. Diese Hypothese wäre noch zu verifizieren bzw. alternativ zu falsifizieren, indem wir den originären Bedeutungsumfang der Geschlechtsbegriffe in den matriarchalen Sprachen untersuchen.“

    Vielleicht hat das schon mal jemand wissenschaftlich untersucht? Ich weiß es nicht. Dass in matriarchalen Gemeinschaften Rollen gespielt werden, halte ich aber für äußerst unwahrscheinlich. Daher kann ich mir kaum vorstellen, dass es dort so etwas wie Rollen-Identitäten gibt. Sehr viel wahrscheinlicher erscheint mir die Annahme, dass die Weiber im Matriarchat mit ihrer sexuellen Weiblichkeit identifiziert und sich ihrer selbst sehr bewusst sind, und dass sie nur deshalb so selbstbewusst auftreten. Weiber sind weiblich, und Männer sind männlich. In Bezug auf die Rollen ist das gar nicht so eindeutig, zumal Herren-Rollen auch von Weibern und Frauen-Rollen auch von Männern gespielt werden können. Mal abgesehen davon, dass die Sexualität in der öffentlichen Sphäre regelmäßig heraus und in der privaten Sphäre regelmäßig in diese Rollen hinein definiert wird. Wenn etwas willkürlich definiert werden kann, reden wir über Zuschreibung (Askription) und nicht über Beschreibung (Deskription). Was darauf schließen lässt, dass es sich bei den Begriffen „Frau & Herr“ um askriptive Kategorien handelt. Wir sind das nicht, es wird uns nur zugeschrieben. Wobei stets derjenige die Definitionsmacht inne hat, von dem die Anerkennung in der Rolle erwartet wird. Wenn eine Frau von einem Mann anerkannt werden will, hat dieser Mann die Macht. Umgekehrt gilt das nicht, denn die Anerkennung in ihren Herren-Rollen erwarten Männer von anderen Männern, nicht von den Frauen. Es sind stets Männer, die eine Rolle inhaltlich definieren, und es sind Männer, die sowohl Weiber als auch andere Männer in ihren Rollen anerkennen (oder andernfalls ausgrenzen). Deshalb liegt die Macht im Patriarchat ausschließlich bei den Männern. Dazu braucht es noch nicht einmal akute Gewalt oder deren latente Androhung. Es genügt, die Anerkennung in der Rolle verbal zu entziehen. Die einzige Möglichkeit, diesem Mechanismus zu entgehen, besteht darin, mit dem Rollenspiel aufzuhören. Wenn das viele Menschen (> 10% der Bevölkerung) machen, und wenn sich diese Menschen organisieren, ist das Patriarchat am Ende. Die Weiber stellen 50% der Bevölkerung. Ich halte es für möglich, das Patriarchat abzuschaffen, ohne dass ein einziger Mann dabei mithilft, indem jede fünfte Frau sich von ihrer Rolle distanziert, als Weib ihre Autonomie erklärt, und sich gemeinsam mit anderen Weibern organisiert. Die Anerkennung von Frauen ist bei diesem Vorgehen übrigens nicht zu erwarten, ebenso wenig, wie jene der Herren in der Gesellschaft. Darüber sollten sich Weiber und Männer im Klaren sein! 😉

  3. Pingback: Das patriarchale Stockholm-Syndrom Teil I | Matrifokale Gegenwart

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