Der Vater braucht das Kind!

Noch vor einiger Zeit stimmte ich aus vollem Herzen der Erkenntnis von Gabriele Uhlmann zu, dass unsere wahre Natur in unserer etwas freieren westlichen Welt langsam wieder an die Oberfläche kommt … leider überschreiben Neoactivismen diese Wiedergeburt der Integration der evo-biologischen Matrifokalität in unserem sozialen Alltag. Das Mütterzentrierte Sein, das als menschliche Urnatur identifiziert ist, wird im Patriarchat nach wie vor aufs schärfste bekämpft.
Trotzdem war es bisher immer so, dass unsere „Urnatur“ dann zum Vorschein kommt, wenn die Repression der patriarchal-ideologischen, sowie die gewaltsamen Zwangsverordnungen der patriarchösen Gesellschaft an Wucht und Bedeutung im gelebten Alltag verlieren. Stets zu erkennen in Zeiten von diversen Nachkriegsjahren, wenn der Mann im zertrümmerten gesellschaftlichen Leben an Bedeutung verliert (da es erst einmal nur ums weitere, oft mal nackte, Überleben geht) bzw. er nicht anwesend ist. Was heißt, wenn Frauen durch die Umstände freier werden und, wenn auch manchmal nur für kurze Zeit, ihre Mütterlichkeit und Selbstbestimmung leben können und so ein Anflug praktizierter, uns menschenartgerechter Matrifokaltät wieder sichtbar wird.

Die Matrifokalität, genau wie die Female Choice, lässt sich zwar unterdrücken, aber nicht völlig auslöschen, da sie uns als evolutionäre Überlebensstrategie angeboren ist. Das rigide Patriarchat (Epoche der Väterherrschaft) wurde dadurch immer wieder unterlaufen, da weder Frau noch Mann ständig gegen ihre „Natur“ leben konnten und wollten. Andererseits kosteten Versuche sich der Fremdbestimmung durch das Vaterkonstrukt zu entziehen, unendlich vielen Frauen (und Kindern) das Leben, denn bis heute wird matrifokales Verhalten und unkontrollierbare weibliche Sexualität generell als Sünde wider des Vätersystems gewertet.

Seit dem Beginn der patriarchalen Strukturen gehen diese mit einer allgegenwärtigen Androzentriertheit Hand in Hand. Der Mann – anerkannter Mittelpunkt der Gesellschaft – schuf die Bedingungen, die ihn privilegierten und das Weibliche unterdrückte. Diese grundsätzliche Privilegierung schlägt sich sowohl in der historischen wie in der aktuellen Gesetzgebung, in kulturellen sowie religiösen Dogmen und Tabus sowie in der Denkungsart des Mainstreams unserer anonymen Großgesellschaft nieder. Und dazu gehört auch die als modern geltende und sich hartnäckig haltende, Behauptung: „ein Kind braucht seinen Vater!“.

Hier sehe ich es als unbedingt erforderlich an, darauf hinzuweisen, dass es in den nicht naturgemäßen, patriarchalen Strukturen schon immer genau umgekehrt war und immer noch ist: Der Vater braucht das Kind! Denn das ist der entscheidende Punkt: Ohne Kind ist der Mann kein Vater. Das patriarchale Credo besagt:
für ein Kind braucht es, außer der Mutter, bedingt einen „Samen spendenden“ und möglicht lebenslang anwesenden Vater – auf diese Glaubenssätze wird in unserer Patri-Gesellschaft vehement bestanden!
Aber schon der Begriff „Samen“ ist unzutreffend und überholt – eigentlich benötigt frau nur ein Spermium eines Mannes, damit eine ihrer teilungsbereiten Eizellen in den Modus des Arterhaltes geht. Das Menschenkind, das durch eine Mutter auf die Welt kommt, ist ein autarker Bioorganismus. Natürlich benötigt gerade bei der Säugetierspezies Mensch, der Nachwuchs eine sehr lange und ausführliche Versorgung durch die Mutter und ihr zugehöriges Matrifokal. Die Betreuung durch einen außenstehenden männlichen Mitmenschen ist im evo-biologischen Programm unserer Spezies nicht vorgesehen. Ein Mann weiß nie um seine Vaterschaft, wenn er diesen Verdacht nicht mitgeteilt bekommt bzw. soziale Konventionen diesen nahelegen. Kein Mann weiß durch seine Biologie, dass er der Vater eines bestimmten Kindes ist.
Daher sieht das patriarchale Vaterkonzept vor, dass sich ein Mann eine (oder mehrere) Frau(en) hält, die ihm Kinder gebären, die in seinen Besitz übergehen. Die Frau, ihre Sexualität und Gebährfähigkeit, wurde/wird einer gewaltsam eingeführten sozialen Kontrolle unterworfen, um die Beteiligung eines bestimmten Mannes an den geborenen Kindern sicherzustellen.
Ohne die Vatermacht würde die Frau im Muttersippengefüge weiterhin wie seit Urzeiten ihre Kinder aufziehen und der Mann (in der Regel) nichts von seiner Vaterschaft wissen, die eher nur eine assistierende Zeugungsbeteilung ist.
Da zu den modernen patriarchösen Kulturstrukturen keine Muttersippen und auch keine patrilokalen Großfamillien mehr gehören, bleibt heute dem patriarchalen Mann nur der Anschluss an eine Frau und ihre Kinder, die idealerweise auch die ’seinen‘ sind. Zu der naturgemäßen (evo-biologischen) Mutter-Kind-Einheit gehörte er, der nichtverwandte Mann, jedoch noch nie dazu. Das ist für viele schwer zu verstehen, da das Bild des immerwährenden Liebespaar und der verlässlich dauerhaften Paarungsfamilie so nachhaltig im patripathischen Alltag installiert wurde. Da dem modernen (patriarchal geprägten) Mann lediglich die (Klein)Familie als Lebensgemeinschaft zur Verfügung steht, sucht und findet er nur hier wohlwollende Geborgenheit, die auch ein Mann in seinem Lebensalltag  braucht. Das Patriarchat bietet seinen Männern neben den privilegierten Machtoption für wenige Männer, nur das Kerngeschäft der Paarungsfamilie, um sich Zugehörigkeit und Geborgenheit zu sichern.
(siehe auch: http://stephanieursula.blogspot.de/2015/11/das-in-die-pflicht-genommene-elternpaar.html  )
Nicht nur in diversen Diskussionen innerhalb der modernen Forschung oder in populärwissenschaftlichen Betrachtungen wird sich imho zu sehr auf einen ominösen Vererbungsmythos und den (männlichen) Gen-Anteil kapriziert (heute ist es üblich von 50 zu 50 zu sprechen, die ein Kind quasi ausmachen). Die patriarchöse Denkungsart zwingt uns ein ständiges unwürdiges Geschacher um das Kind auf. Dabei ist ein jedes geborenes Menschenkind einfach nur ein berechtigtes Mitglied der Menschengemeinschaft, sowohl als eben geborener Winzling wie auch später als Erwachsene.
Heutzutage, in Zeiten der immer umfassender werden sozialen Vereinzelung, ist es sogar so, dass so ein kleines Menschenwesen oft genug die einzige Anbindung in puncto Zugehörigkeit und Identifikation mit verwandten Angehörigen ist. Auch Männer, die sich as Väter begreifen, brauchen eine Gemeinschaft. Letztlich sind auch sie verlorene Kinder der, durch das Patriarchat zerstörten bzw. kaum mehr existierenden Muttersippen. Einerseits erleben wir in dem Dilemma das hausgemachte Problem der patripathischen Strukturen, andererseits finden wir hier die Erklärung für den sich ausweitenden Kampf diveser Vätervereinigungen um ihre angeblichen Rechte am Kind. Es ist ein Schlüsselmoment des Patriarchats das Kind zu besitzen.
Das sollte uns klar sein, der moderne, kinderliebe und fürsorgende Vater agiert in der Beziehung zu „seinen Kindern“ einen (evolutionär berechtigten) immanenten Drang zur Teilhabe an der Geborgenheit einer Bindungsgemeinschaft aus. Eigentlich folgt er damit seinem (epigenetisch vorhandenen) Mutterbruder-Programm. Das Gerangel wer den größten (pseudo)berechtigten Anteil an einem Kind und damit Rechte bzw. Verfügungsgewalt über selbiges hat, sollte nun eigentlich auch in der derzeit bestehenden Neo-Patriarchose ein Relikte sein. Es ist nur ein paar Jahrzehnte her, als die Zeit zu Ende ging, in der dem Vater per Gesetz das ganze Kind „gehörte“. Oder er es bei Nichtgefallen einfach nicht anerkannte bzw. es seiner individuellen Freiheit willens ignorierte. Im Patriarchat ging es nie darum einem Kinde durch einen Mann/Vater (aktive) Fürsorge angedeihen zu lassen. Das ist ein sehr neuer moderner Anspruch!

Heute befinden wir uns in dem Status, dass jedem Vater (nach seiner kultur-politischen Entthronung als Herrn der Familie) von der Gesellschaft (sozusagen als Ausgleich) die Fürsorgearbeit am (eigenen) Kind angetragen und im Gegenzug die unumstößliche physische Zugehörigkeit zum Kind und der psychische Zugriff auf dieses Individuum geboten wird.
Und damit sind wir wieder am scheinbar überwunden geglaubten väterlichen Besitzanspruch angelangt. Denn der hält sich nach wie vor hartnäckig im allgegenwärtigem patriarchösen Kontext. Und das ist hier keine böswillige Unterstellung oder Verallgemeinerung von mir persönlich, sondern nur eine Beschreibung der derzeitigen strukturellen Frau/Mutter-Mann/Vater-Problematik.
Wo wir auch hinsehen ist von Eltern die Rede. Mutter und Vater gibt es in den eifrigen MainstreamMedien, vor dem Gesetz und in allen leitkulturellen Denkungsarten nur noch im Doppelpack, als Elterneinheitsgebilde. Leider funktioniert diese Beschwörung einer innigen Elterneinheit unter den realen Bedingunge sehr viel weniger gut, als sie idealerweise gehypt wird.

Die patriarchal determinierte Vaterschaft wurde/wird als eine Art Verursacherprinzip angesetzt, dem zu Grunde lag/liegt, aus „dem Schwängern einer Frau“ das Recht abzuleiten, über diese beiden Menschen, Mutter und Kind, verfügen zu können – auch das ist einer der

Marker des Patriarchats.
Der Vater (der an der Zeugung per Spermium beteiligte Mann) sah einst einen Vorteil für sich sein Kind und hier vor allem die Söhne, für seinen Clan, seinen Einflussbereich und bei entsprechendem politischen Rang für seine Wehrhaftigkeit zu rekrutieren. Das setzte voraus, dass die Frau, als potentielle Mutter mit ihrer Sexualität und Gebärfähigkeit unter eine rigide Kontrolle gebracht werden musste. Derlei immer gewaltsam durchgesetzten Maßnahmen waren bis in unsere Zeit die einzige Möglichkeit der „eigenen“ Söhne (und Töchter) einigermaßen gewiss zu sein. Der dabei entstandene Ehrbegriff mit dem heute noch kleine Jungs aufgezogen werden, wurde daher überall geltend gemacht und die unbedingt zu erhaltende „Jungfräulichkeit“ der Tochter (die man damit als Heiratsobjekt kennzeichnete) wurde zu einem grundsätzlichen Politikum erhoben. Ebenso die gundsätzliche Verpflichtung zur lebenslangen Treue und Keuschheit der Ehefrau, auch über die Privatheit der Ehe- und Familienkonstellation hinaus. Nicht der prinzipielle (evo-biologische) Wert eines einzigartigen Lebewesens, wie das menschliche Kind, ist im patriarchalen Ideen-Universum von Bedeutung, sondern die bloße quantitative Anwesenheit einer potentiellen Kampfkraft, einer ausbeutbare Arbeitskraft oder sonstige Nutzbarkeit des Individuums!

Das evobiologisch entstandene Leben ist ein unwillkürliches, sich selbst erhaltendes und organisierendes System und nur weil der Mann-Mensch ein paar der möglichen Mechanismen erkannte oder glaubte durchschaut zu haben, stellt mann die Theorien auf, die direkt oder latent den MenschenMann in den Mittelpunkt der gesamten Entwicklung, Evolution, stellen. Als wäre er tatsächlich die so gern zitierte Krone einer „göttlichen Schöpfung“. Vor diesem Hintergrund wird bis heute auf hohem ideellen Niveau philosophiert und dabei vergessen, dass wir als Teil des bestehenden Natursystems ein vielfach abhängiges Individuum sind, das auch im Fall des menschlichen Mannes, einer mütterlichen, fürsorgenden (Nähe)Gemeinschaft bedarf.

Ein jedes (menschliche) Individuum wird durch eine Mutter in eine Bindungsgruppe hineingeboren und in der matrifokal gewachsenen (Ur)Zeit verblieb die Mensch in diesen Lebenszusammenhängen in der Regel bis zum Tod. Diese Grundeinheit einer naturgemäßen und damit artgerechten Fürsorgegemeinschaft ist eine Spezialität der Spezies Mensch und das Lebenskontinuums der Menschheit. Diese essentielle menschliche Fürsorgegruppe nenne ich Das Matrifokal.

Das Grundmuster des menschlichen Arterhaltes (in dem der notwendige Selbsterhalt integriert ist) finden wir in der Matrifokalität, welche auf einem anderen selektiertem Ur-Naturgeschehen, der Female Choice, beruht. Matrifokalität bedeutet Matrilinearität und Matrilokalität als Basis vereint. Diese beiden Begriffe sind nicht gesellschaftstheoretisch zu verstehen, sondern der Ausdruck des konkreten evolutionsbiologischen Daseins. Wir können es noch in den wenigen (indigenen) weitgehend matrifokal lebenden Gemeinschaften finden (die auch unrichtig als „Matriarchate“ bezeichnet werden). Das waren/sind eben keine politisch konzipierten Kleingesellschaften (in dem Sinn wie heute „Gesellschaft“ klassifiziert wird), sondern sie gingen aus der homogen gewachsenen Bindungs- und Fürsorgegemeinschaften hervor – mit einem Wort, sie sind Muttersippen. Hier gab es neben den Müttern und Schwestern (nur) Söhne und Brüder, keine Väter.

Der Vater, als Taktgeber all der kleinen und großen sozialen Gebilden innerhalb diverser patriarchaler Konstruktionen, ist kein Naturergebnis. Wenn einem Mann niemand mitteilt, dass er „ein Kind hat“, weiß er es nicht! In seinem Körper gibt es keine biologisch angelegten physiologischen Signale dafür, dass eins seiner Spermien an der Entstehung eines neuen Menschenkindes beteiligt war. Nur soziale Absprachen machen einen Mann zum (wissenden) Vater. Daher ist es widersinnig zu behaupten, dass ein Kind (s)einen Vater braucht.

Das Menschenkind brauchte allerdings schon von Anbeginn eine Fürsorgesippe, die sich aus konsanguinen Angehörigen zusammensetzt – eine Matrifokalgemeinschaft, die aus Großmüttern, Müttern, Geschwistern und eben auch aus fürsorglichen Mutterbrüdern bestand/besteht.

Stpehanie Ursula Gogolin

(überarbeite Januar 2021)

7 Gedanken zu “Der Vater braucht das Kind!

  1. Pingback: Rebloggt: Der ‚Vater‘ braucht das Kind! – Wahrscheinkontrolle

    1. …so wie der alltäglich stattfindende Sexismus immer noch nicht durchgängig erkannt wird, so können wir auch in unserer patriarchösen Gesellschaft noch nicht erwarten, dass die allgegenwärtige Misogynie von allen überhaupt wahrgenommen wird. Weder Mädchen noch Jungen brauchen misogyne Väter als fürsorgende Betreuungspersonen.
      … ein Beispiel: Das in ein Gesetz gegossene Wechselmodell ist quasi eine misogyne Machtdemonstration, die das tradierte gestrige Väterrecht ‚des Kindesbesitzes‘, über jedes Menschenrecht aller Beteiligten stellt. Das sogenannte ‚Recht eines Kindes an seinem Vater‘ ist ein Popanz, der von der Tatsache ablenkt, dass das Menschenrecht eines Kindes die benötige Fürsorge beinhaltet, aber nicht als Kind für das Wohlbefinden und das ‚Recht‘ der Erwachsenen zu sorgen.

  2. Pingback: Vom Postpatriarchat zur matrifokalen Gemeinschaft? – Matrifokale Gegenwart

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s