Der ‚Vater‘ braucht das Kind!

Unsere „Urnatur“ kommt immer dann zum Vorschein, wenn die Repression der patriarchal-ideologischen und konkret gewaltsamen Zwangsverordnungen an Wucht und Bedeutung in einer Gesellschaft verliert.

„… erkennen wir unsere wahre Natur. In unserer etwas freieren westlichen Welt kommt sie langsam wieder an die Oberfläche.“ schreibt Gabriele Uhlmann.

Danke, liebe Gabriele, dass du auf diese entscheidenden Punkt hingewiesen hast.

Die Female Choice hatte sich, wie du schon nachgewiesen hast, ohnehin nie völlig unterdrücken lassen (da sie ein evolutionärer Effekt ist). Das rigide Patriarchat wurde daher einerseits immer wieder unterlaufen, da weder Frau noch Mann ständig gegen ihre „Natur“ leben konnten und wollten, andererseits kostete es auch unendlichen vielen Frauen (und auch Kindern) das Leben, denn bis heute wird unkontrollierbare weibliche Sexualität immer noch als die Sünde wider dem Vatersystem gewertet. Das geht seit dem Beginn der patriarchalen Strukturen bis in unsere Tage mit der allgegenwärtigen Androzentriertheit Hand in Hand und schlägt sich nach wie vor in der Gesetzgebung, der Denkungsart des Mainstreams und den kulturell sowie religiösen Dogmen und Tabus unserer anonymen Großgesellschaft nieder. Dazu gehört auch die sich hartnäckig haltende Behauptung „ein Kind braucht seinen Vater“.

Hier setze ich stets an und behaupte, dass es innerhalb der patriarchalen Strukturen schon immer (und nicht nur heutzutage) umgekehrt ist: Der ‚Vater‘ braucht das Kind!
Schließlich ist so ein kleines Menschenwesen (inzwischen) oft genug seine einzige Anbindung in puncto Zugehörigkeit und Identifikation mit verwandten Angehörigen.

Auch die ‚Väter‘ sind letztlich verlorene Kinder der nicht mehr existierenden Mutter-Sippenzugehörigkeit. Es ist zwar ein hausgemachtes Problem der patriarchalen Strukturen, aber das Kind zu besitzen ist ein Schlüsselmoment des Patriarchats.

Der moderne kinderliebe und fürsorgende Vater agiert in der Beziehung zu „seinen Kindern“ einen (evolutionär berechtigten) immanenten Drang zur Teilhabe an der Geborgenheit einer Bindungsgemeinschaft aus. Da jedoch keine Muttersippen mehr zu unserer Kultur gehören, bleibt nur der Anschluss an eine Frau und ihre Kinder, die optimal auch die ’seinen‘ sind. Zu dieser Mutter-Kind-Einheit gehört er jedoch von Geburt an nicht dazu. Da dem modernen patriarchalen Mann nur die (Klein)Familie als Lebensgemeinschaft zur Verfügung steht, sucht und findet er nur hier wohlwollende Geborgenheit, die auch er im Alltag  braucht . Das Patriarchat bietet nun mal seinen Männern neben den privilegierten Machtoption für wenige (Alpha)Männer, nur das Kerngeschäft der Paarungsfamilie.

(siehe auch: http://stephanieursula.blogspot.de/2015/11/das-in-die-pflicht-genommene-elternpaar.html

Nicht nur in diversen Diskussionen in der Forschung oder in populärwissenschaftlicher Betrachtung wird sich imho zu sehr auf Vererbung und den (männlichen) Gen-Anteil kapriziert. Die patriarchale Denke zwingt uns ein unwürdiges Geschacher um das Kind auf. Dabei ist ein jedes unserer Kinder einfach nur ein berechtigtes Mitglied der Menschengemeinschaft, sowohl als eben geborener Winzling wie auch ein paar Jahre später als Erwachsene.

Das Gerangel wer den größten (pseudo-)berechtigten Anteil an einem Kind und damit (Verfügungs)Rechte über das Kind hat, sollten eigentlich Relikte der Patriarchose sein. Es ist nur ein paar Jahrzehnte her, da die Zeit zu Ende ging in der dem Vater per Gesetz das ganze Kind „gehörte“ oder er es bei Nichtgefallen einfach nicht anerkannte bzw. aus Angst um seine individuelle Freiheit ignorierte. Im Patriarchat ging es nie darum dem Kinde durch den Vater (aktive) Fürsorge angedeihen zu lassen. Es ist ein sehr neuer, moderner Anspruch, dass jedem Vater nach seiner Entthronung als ‚Herr der Familie‘ von der Gesellschaft (sozusagen als Ausgleich) die Fürsorgearbeit am (eigenen) Kind angetragen und im Gegenzug die unumstößliche physische Zugehörigkeit zu dem Kind und der psychische Zugriff auf ein Individuum geboten wird. Und damit sind wir wieder am scheinbar überwundenen väterlichen Besitzanspruch angelangt, der sich im patriarchösen Kontext hartnäckig hält. Das ist keine böswillige Verallgemeinerung, sondern nur eine Beschreibung der derzeitigen strukturellen Frau/Mutter – Mann/Vater – Problematik.

Die patriarchal determinierte Vaterschaft wurde/wird als eine Art Verursacherprinzip angesetzt, dem zu Grunde lag/ liegt, aus „dem Schwängern einer Frau“ das Recht abzuleiten über diese beiden Menschen, Mutter und Kind, verfügen zu können – auch das ist ein Marker des Patriarchats. Der ‚Vater‘, also der an der Zeugung per Spermium beteiligte Mann, sah einst einen Vorteil für sich darin sein Kind und hier vor allem die Söhne, für seinen Clan, seinen Einflussbereich und bei entsprechendem politischen Rang für seine Wehrhaftigkeit zu rekrutieren. Das setzte voraus, dass die Frau und ihre Sexualität und Gebärfähigkeit, unter eine rigide Kontrolle gebracht werden musste, da derlei Maßnahmen(bis heute) die einzige Möglichkeit war, der „eigenen“ Söhne (und Töchter) einigermaßen gewiss zu sein. Der dabei entstandene Ehrbegriff mit dem heute noch kleine Jungs aufgezogen werden, wurde daher überall geltend gemacht und die unbedingt zu erhaltende Jungfräulichkeit der Tochter (als Heiratsobjekt) und die Verpflichtung zur lebenslangen Treue und Keuschheit der Ehefrau über die innere Privatheit hinaus, wurde zum grundsätzlichen Politikum erhoben. Nicht der prinzipielle (evo-biologische) Wert eines einzigartigen Lebewesens, wie auch das des menschlichen Kindes, ist im patriarchalen Ideen-Universum von Bedeutung, sondern die bloße quantitative Anwesenheit, seine Kampfkraft, seine Arbeitskraft oder sonstige Nutzbarkeit!

Leben ist ein unwillkürliches, sich selbst erhaltendes System und nur weil der Mann-Mensch ein paar der möglichen Mechanismen erkannte oder glaubte durchschaut zu haben, stellt man immer wieder Theorien auf, die direkt oder latent den Menschen in den Mittelpunkt der Evolution stellen. Als wäre „der“ Mensch tatsächlich die so gern zitierte Krone einer göttlichen „Schöpfung“. Und so wird bis heute auf hohem ideellen Niveau philosophiert und leicht dabei vergessen, dass wir als Teil des Natursystems ein abhängiges Individuum sind, das im Falle ‚Mensch‘ einer sozial eingestellten, also fürsorgenden (Nähe)Gemeinschaft bedarf.

Das (menschliche) Individuum wurde einst in seine Bindungsgruppe hineingeboren und verblieb in der Regel in diesen Lebenszusammenhängen bis zu seinem Tod. Diese Grundeinheit einer naturgemäßen und damit artgerechten Fürsorgegemeinschaft ist eine Spezialität der Spezies Mensch und seines Lebenskontinuums … ich nenne diese essentielle Fürsorgegruppe Das Matrifokal

Das Grundmuster des menschlichen Arterhaltes (in dem der notwendige Selbsterhalt integriert ist) finden wir in der Matrifokalität, welche auf einem Naturgeschehen, der Female Choice beruht. Matrifokalität bedeutet Matrilinearität und Matrilokalität als Basis vereint und diese beiden Begriffe sind hier nicht gesellschaftstheoretisch zu verstehen, sondern als Ausdruck des konkreten evolutionsbiologischen Daseins. Wir können es noch in den wenigen (indigenen) matrifokal lebenden Gemeinschaften finden, die salopp „Matriarchate“ genannt werden. Das sind aber keine politisch konzipierten Kleingesellschaften (so sie wie heute klassifiziert werden), sondern sie gingen aus den artgemäß homogen gewachsene Bindungs- und Fürsorgegemeinschaften hervor – mit einem Wort, es sind Muttersippen. Hier gab es keine Väter, sondern (nur) Söhne und Brüder.

 

Anhang: Die heutige flüchtige Art mit Theorien umzugehen veranlasst mich noch zu einem Nachtrag – ich denke, wir sollten uns abgewöhnen „Mutter Natur“ Absichten und Ziele zu unterstellen oder in unseren Formulierung ‚die Evolution‘ wie ein handelndes und denkendes Phänomen zu postulieren, das womöglich noch eigene Interessen verfolgt.

Als ‚Evolution‘ bezeichnen wir u.a. die unwillkürliche Entwicklung des sich selbsterhaltenden Systems organischen ‚Lebens‘, das zwischen den vorhandenen energetischen, chemischen und physikalischen (anorganischen) Parameter (die ebenfalls als Natur bezeichnet werden), stattfindet und sich ununterbrochen im planeteneigenen Lebewesen-Universum unserer Welt gegenseitig beeinflusst. Das Prinzip der Evolution ist das der verwobenen Komplexität in der sich ständig das Gesamtsystem graduell abwandelt und auf die Bedingungen abstimmt, also anpasst und sich somit in einer ständigen durch nichts zu kontrollierenden, absichtslosen Veränderung befindet.

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Über Stephanie Gogolin

Tochter - Mutter - Großmutter - Ahnin
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6 Antworten zu Der ‚Vater‘ braucht das Kind!

  1. Pingback: Rebloggt: Der ‚Vater‘ braucht das Kind! – Wahrscheinkontrolle

  2. florasgedanken schreibt:

    Hat dies auf Floras Gedanken rebloggt und kommentierte:
    Probleme der Vaterschaft im Patriarchat.

  3. florasgedanken schreibt:

    Mädchen brauchen keine misogynistischen Väter.

    • Stephanie Gogolin schreibt:

      …so wie der alltäglich stattfindende Sexismus immer noch nicht durchgängig erkannt wird, so können wir auch in unserer patriarchösen Gesellschaft noch nicht erwarten, dass die allgegenwärtige Misogynie von allen überhaupt wahrgenommen wird. Weder Mädchen noch Jungen brauchen misogyne Väter als fürsorgende Betreuungspersonen.
      … ein Beispiel: Das in ein Gesetz gegossene Wechselmodell ist quasi eine misogyne Machtdemonstration, die das tradierte gestrige Väterrecht ‚des Kindesbesitzes‘, über jedes Menschenrecht aller Beteiligten stellt. Das sogenannte ‚Recht eines Kindes an seinem Vater‘ ist ein Popanz, der von der Tatsache ablenkt, dass das Menschenrecht eines Kindes die benötige Fürsorge beinhaltet, aber nicht als Kind für das Wohlbefinden und das ‚Recht‘ der Erwachsenen zu sorgen.

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